Kategorie: Claudia & Co (Seite 2 von 2)

Patientenverfügung – ganz einfach wichtig!

von Claudia Stieglmayr

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat im Juli 2016, Februar 2017 und November 2018 geurteilt, sodass Millionen von Patientenverfügungen unwirksam sind. Es genügt nun nicht mehr, allgemein zu formulieren, dass man »keine lebensverlängernden Maßnahmen« wünscht! Man muss viel detaillierter vorgehen. Wie schreibt man eine Patientenverfügung? Man muss tatsächlich etwas Zeit, Arbeit und Konzentration aufwenden. Allein diese Tatsache bringt viele Menschen dazu, das Erstellen dieses wichtigen Dokuments vor sich her zu schieben. Das muss nicht sein!

Ich möchte hier behilflich sein und zeigen, dass der Aufwand gar nicht so riesig ist, wie man zunächst annimmt. Am Ende dieses Artikels befinden sich eine Checkliste sowie nützliche und informative Links. Patientenverfügung to go, sozusagen.

# Patientenverfügung – flott erstellt

Ich habe mithilfe des Online-Portals www.afilio.de meine Patientenverfügung erstellt. Das hat keine halbe Stunde gedauert und ist rechtlich wasserdicht. Afilio ist eine Plattform, auf der Privatpersonen kostenlos ihren Vorsorgebedarf ermitteln und rechtliche sowie finanzielle Vorsorgemaßnahmen treffen können.

Eine halbe Stunde ist nun wirklich nicht viel. Ich hatte angenommen, Stunden zu benötigen!

Was hat mich nur bislang davon abgehalten? Ich weiß es jetzt: Es sind Gedanken und Einflüsse. Googelt man »Patientenverfügung«, werden fast zwei Millionen Treffer angezeigt! Und beginnt man zu lesen, fallen Begriffe wie »kompliziert«, »komplex« und »juristisch«. Das allein ist ziemlich abschreckend. Davon abgesehen muss man sich mit dem eigenen Sterben beschäftigen. Da gibt es wahrlich schönere Freizeitbeschäftigungen.

# Wozu eine Patientenverfügung?

In einer Patientenverfügung bestimmt man, was medizinisch passiert oder unterlassen wird. Und zwar nur für den Fall, dass man selbst nicht mehr mit klarem Verstand aktiv entscheiden kann.

Dazu mag manche und mancher denken: Ist mir doch schnurz, was mit mir geschieht, wenn ich alt und bewusstlos bin und im Sterben liege. Nun, das ist vielleicht sogar richtig, aber was ist mit denen, die dann in meinem Sinne entscheiden müssen? Oder was ist, wenn ich noch jung bin, vielleicht sogar kleine Kinder zu versorgen habe? Ist es mir dann auch noch egal?

# Was passiert, wenn ich keine Patientenverfügung habe?

Hat jemand keine Patientenverfügung oder Betreuungs- und Vorsorgevollmacht erteilt, so muss im Ernstfall erst vom Betreuungsgericht ein Betreuer berufen werden, und dies nimmt dann unnötig viel Zeit in Anspruch. Außerdem entscheidet dann ein völlig Fremder über Maßnahmen.
Es steht zwar geschrieben, dass auch »das gesprochene Wort« gilt, aber ganz ehrlich: Wäre ich Arzt, würde ich auch sicherheitshalber auf einer schriftlichen Verfügung bestehen, ehe ich am Ende noch verklagt werde.

# Ich musste für meine Mutter entscheiden

Wie schlimm es ist, in einer solchen Situation für einen geliebten Menschen bestimmen zu müssen, habe ich am eigenen Leib erfahren, als meine Mutter zehn Tage vor ihrem Tod ins Krankenhaus kam. Bereits zwanzig Tage vor ihrem Tod hatte sie eine Behandlung in der Klinik verweigert und damit ihr Todesurteil unterzeichnet (»Mama ist tot, und ich bin ihr böse.«). Dennoch war sie nicht bereit, eine Patientenverfügung zu gestalten, weil sie eigensinnig an ihre Selbstheilungskräfte glaubte. Das stürzte mich in tiefe Verzweiflung, denn wir hatten nie so konkret über einen solchen Fall gesprochen. Was, wenn ein Gericht jemand Wildfremdes einsetzte oder Ärzte allein entschieden? Reichte vielleicht die vorhandene Vorsorge- und Betreuungsvollmacht nicht aus?

# Moralisch richtig, aber illegal!

So habe ich mich also hingesetzt und mit Hilfe von Textbausteinen eine Verfügung für sie verfasst – nach bestem Wissen und Gewissen überlegt, was meine Mutter wohl wollen würde. Das Dokument habe ich ihr dann zum Unterschreiben untergejubelt, als sie ohnehin Papiere für die Krankenkasse unterzeichnen musste. Nachvollziehbar, aber natürlich illegal.

Als meine Mutter dann mit akutem Nierenversagen ins Krankenhaus eingeliefert wurde und ihr Bewusstsein so weit eingetrübt war, dass sie im Grunde nicht mehr ansprechbar war, kam dann auch von der Ärztin in der Notaufnahme die befürchtete Frage nach der Patientenverfügung. Ich zögerte kurz – und blieb dann doch bei der Wahrheit: »Ja, es gibt eine, aber sie weiß das nicht.«

Nun hatte ich das Glück, dass diese Ärztin – und auch später die Stationsärztin – mich in den zu treffenden Entscheidungen begleiteten, berieten und unterstützten, sodass ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte, etwas Unverantwortliches zu bestimmen. Aber bis heute bleibt ein letzter Zweifel an der Richtigkeit meiner Entscheidungen – im Sinne von: Hätte meine Mutter genauso entschieden?

# Meine Familie soll wissen, was ich will!

Ich möchte jedenfalls nicht, dass meine Liebsten in einer solchen Situation an meiner Stelle entscheiden müssen. Das ist eine der schwersten und schlimmsten Aufgaben meines Lebens gewesen. Meine Menschen sollen ein Papier in Händen halten, auf dessen Grundlage entschieden werden kann. Außerdem ist ja nicht gesagt, dass die Ärzte ohne Basis einer Verfügung überhaupt mit den Angehörigen sprechen. Meine Mutter war 83 Jahre alt und stand am Ende ihres Lebensweges, und es ging im Grunde nur noch darum, ihr ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Das sieht beispielsweise bei einer 30-jährigen Mutter von drei Kindern nach einem Autounfall aber womöglich ganz anders aus.

Der schlimmste Fall, von dem ich im Laufe meiner Recherche gehört habe, war der eines jungen Ehemannes. Er hatte einen Autounfall und lag im Koma. Seine Frau wusste, dass ihr Mann eine Verfügung hatte und kramte sie hervor. Dort stand: Falls mir etwas zustößt, soll meine Frau alles entscheiden. Wie grausam!

# Inhalt – was muss in einer Patientenverfügung stehen?

Ihr seid hoffentlich spätestens in diesem Moment von der Notwendigkeit überzeugt, dieses Dokument für den Fall des Falles erstellen zu wollen. Dann gehen wir jetzt zum praktischen Teil über.

Wenn man eine Patientenverfügung verfasst, müssen einige Dinge beachtet werden, damit sie rechtlich unangreifbar ist:

  • Der Verfasser muss zum Zeitpunkt des Erstellens volljährig sein.
  • Man muss »einwilligungsfähig« sein und die Verfügung aus freien Stücken schreiben.
  • Eine Patientenverfügung muss in Schriftform vorliegen, ob sie per Hand oder am Computer geschrieben wurde oder über ein Formular erstellt worden ist, ist völlig egal.
  • Das Dokument muss den Namen des Verfügenden, das Datum und eine Unterschrift enthalten. Eine Beglaubigung durch einen Notar ist nicht notwendig.
  • In einer Patientenverfügung müssen die persönlichen Wertevorstellungen berücksichtigt werden und der Patientenwille muss »differenziert und widerspruchsfrei« dokumentiert sein.

# Wo bewahre ich meine Patientenverfügung auf?

Ganz wichtig ist außer dem Besitz einer Patientenverfügung, dass andere davon wissen! Es nützt gar nichts, wenn das Dokument in einem privaten oder Banksafe liegt oder unter einem Aktenstapel versteckt ist – und niemand weiß, ob und wo. Oder man weiß davon und kommt nicht dran!
Man kann seine Verfügung auch bei der Bundesnotarkammer im Vorsorgeregister hinterlegen. Dann bekommt man eine Karte (Foto oben), die man im Portemonnaie mit sich führen kann. So ist in der Regel gewährleistet, dass im Falle einer Bestellung eines Betreuers über das Amtsgericht geprüft wird, ob es eine Patientenverfügung gibt. Hier geht es zum Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer.

Mein Tipp: eine Dreifach-Kombination aus Vorsorgeregister, Safe und einem Ort, der einigen vertrauenswürdigen Menschen aus dem Umfeld bekannt ist und auf den sie Zugriff haben.
Außerdem: Alle paar Jahre mal durchlesen. Hat sich etwas an meiner Meinung oder der Lebenssituation geändert? Änderungen sind jederzeit möglich.

# Tipps und Links

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Meine Patientenverfügung
Afilio
NDR – Ratgeber Gesundheit
Bundesjustizministerium – Patientenverfügung
Bundesjustizministerium – Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung
Malteser

Fünf-Sterne-Ferien für Leib und Seele – Meeresrauschen inbegriffen

# Gran Canaria – Summer reloaded

Lange vier Monate habe ich mich auf diesen Ausblick hier gefreut. Im Juni hatte ich gebucht. Für Oktober. In die Suchmaske eingegeben hatte ich nur: 1. Kanarische Inseln und 2. Meerblick. Das Ergebnis: Ferien im Fünf-Sterne-Hotel.
Die restliche Familie war zunächst überhaupt nicht gefragt worden. Ich hatte im Alleingang beschlossen, dass so viel Kummer hinter uns und so viel Arbeit vor uns liegt, dass Verreisen in den Sommerferien nicht in Frage kommen würde. Im Anschluss an die Schufterei würden wir aber dennoch Erholung dringend nötig und auch verdammt verdient haben.
Zum Glück hat uns die Tourismuspleite verschont, der Reisegott war uns gnädig. Auf den drei Bildern oben warte ich gerade auf »meinem« Terrassen-Sofa darauf, dass die Sonne um die Kurve kommt.

# PREMIUM SUITE »SEA VIEW«

Das ist das kleinere Schlafzimmer mit Meerblick, das hat das Pubertier sich geschnappt…

Aaaaach – während ich das hier schreibe, sitze ich in diesem Luxusschuppen, auf der riesigen Terrasse mit Meerblick und Jacuzzi, was moderndeutsch für Whirlpool ist – oder so. Wir haben ein enorm großes Apartment mit drei Schlafzimmern, eine »Three Bedroom Premium Suite – Sea View« – die Schlafzimmer selbstverständlich jeweils mit Bad ensuite. 220 Quadratmeter. Ich höre im Geiste gerade Samantha zu Charlotte in Sex and the City, der Film sagen: »This is a five star resort!« Willkommen in der Welt der Reichen und Schönen.

In den 80ern war »The Bold and the Beautiful« übrigens meine Lieblingsserie – Sneaken bei den Reichen, unter dem Vorwand, mein Englisch fürs Abi fit zu machen. »Reich und Schön« hieß sie dann später im deutschen Fernsehen. Und ich mag auch diese Makler-Soap auf Vox. Besonders gern dann, wenn man dort Luxus-Apartments an Mann, Frau oder Divers bringen will.

Neugierig auf diesen Lifestyle war ich also schon immer irgendwie; nie neidisch, einfach nur neugierig. Man muss auch gönnen können, und das kann ich. Sonst hätte ich mich ja längst um einen anderen Job bemüht und wäre nicht bei bescheidenem Salär in einem mittelständischen Verlag geblieben. Tatsächlich muss ich aber heute gestehen: Um öfter DIESEN Ausblick und DIESES Meeresrauschen zu haben, wäre ich bereit, richtig hart und viel zu arbeiten. Ferien im Fünf-Sterne-Hotel sind schon etwas ganz Besonderes. Diese Erkenntnis kommt wohl reichlich spät, zu tief verwurzelt bin ich mittlerweile in der unteren Mittelklasse.

# GUCCI, CHANEL und CO. – Ferien im Fünf-Sterne-Hotel

Kreischige Neureiche wie die Geißens (sehe ich im TV auch gern; ich bin der lebende Beweis dafür, dass Goethe und Geiß kombinierbar sind) habe ich hier zum Glück noch nicht ausmachen können, im Radisson Blu Resort auf Gran Canaria gibt man sich norddeutsch tiefstapelnd, die Viereinhalbtausend-Euro-Chanel wird lässig-unaufgeregt zum Dinner ausgeführt. Und irgendwie glaub ich auch nicht, dass diese Tasche ein Fake war. Den Originalpreis musste ich recherchieren, ich hatte mich – trotz Shopping-Queen-Bildung – um zweitausend Euro verschätzt. Na ja, kann mal passieren. Ich gehöre ja auch nicht dazu, zu diesem Club.

Salud! Und eine Tapas-Platte war auch noch dabei.

Ich will hier doch nur meine geschundene Seele mit Meeresrauschen und Ruhe heilen. Und mit ein bisschen Alkohol vielleicht, hier gibt es nämlich schon zum Frühstück einen hervorragenden Cava. Den gleichen übrigens, der uns im metallenen Sektkühler – stilecht mit Eiswürfeln – in der Suite begrüßt hat.

Das Teenager-Töchterlein hat sich problemlos chamäleonesk an den Luxus angepasst und von uns ein Kleid von Kenzo shoppen lassen. Mitgekommen ist das Pubertier selbstverständlich nicht, das macht es praktisch nie. Es bleibt in seinem Miniapartment, das Meer durch geschlossene Vorhänge vor seinem bösen Blick abgesichert, und lässt sich per SMS von Papa Bilder der vorgeschlagenen Kleidungsstücke schicken, die es dann mit 👍🏻 oder 👎🏻 kommentiert. Nun, das Kleid des Pariser Designers fand immerhin des Tierchens Gnade.

Ich habe sogar drei Kleider und einen Rock geshoppt, aber nicht in der Edelboutique, sondern im Laden um die Ecke für kleines Geld. Guter Geschmack hat eben nicht immer was mit dem Preis zu tun. Außer beim Essen vielleicht.

# SOZIALSTUDIEN AM BÜFFET

Sehr interessant ist es hier für mich selbstverständlich auch zu den Speisezeiten. Ich liebe es, private Sozialstudien zu betreiben. Was mir in diesem Resort sofort auffällt: Menschen, die Ferien im Fünf-Sterne-Hotel machen, stürzen sich nicht Schlag sieben ans Büffet – vor lauter Angst, dass er oder sie kurz kommen könnte. In dieser Preisklasse ist es nämlich so, dass immer nachgelegt wird, hier bleiben keine Wünsche offen, hier verlässt niemand frustriert und hungrig die Meerblick-Speise-Terrasse, weil vom Vitello Tonnato nichts mehr übrig war. Dort wechselt täglich zum Dinner das Unterhaltungsprogramm von guter Qualität, was sich »Soft-Animation« nennt. Unter anderem werden hier leiser Gesang, Querflöte und Flamenco präsentiert.

# Fünf-Sterne-Service

Am zweiten Tag kennt man im Restaurant deine Zimmernummer und weiß direkt, dass der Filius Cola bestellen wird. Der Chef-Camarero wirkt wie ein Dirigent. Er empfängt gut gelaunt die Gäste, geleitet sie galant zu Tisch, schickt mit minimalem Kopfnicken seine Kellner los, wenn ein Teller abgegessen ist, damit der Platz wieder frei ist, wenn der Gast mit dem zweiten oder dritten Gang vom Büffet zurückkehrt.

In diesem Hotel wissen sich die meisten Gäste zu benehmen (na ja, bis auf die Chinesen vielleicht), keiner starrt unverschämt Leute an, Gespräche werden in angemessener Lautstärke geführt. Die Tische sind ansprechend arrangiert, sogar ich fühle mich wohl und privat.

# Die alte MORLA

Da fällt mir doch gleich diese riesige ältere Frau mit mächtigem Körperumfang und wogendem Busen auf. Sie wälzt sich langsam, aber gleichmäßig wie eine Riesenschildkröte über die Speiseterrasse (auch mit Meerblick, natürlich) und bewegt sich mit ruhigem, unerschütterlich zielgerichtetem Blick fast schon erhaben zum Büffet. Dort häuft sie sich mit starrer Miene Berge von köstlichen Speisen auf den Teller und gleitet dann im selben behäbigen Tempo wie zuvor zurück an ihren Tisch.
Dort sitzen noch drei andere Herrschaften und waren schon satt, als die alte Morla zum dritten oder vierten Gang aufgebrochen war. Wieder am Tisch, schaufelt Morla sich ebenfalls langsam, aber stetig ihre Beute in den Mund. Kaut, schaufelt, kaut, schaufelt. Sie spricht dabei nicht, sie lächelt nie, wirkt aber auch nicht verbiestert. Essen als Lebenssinn. Ich wette, die Morla macht öfter Ferien im Fünf-Sterne-Hotel. Wenn ich alt bin, stelle ich mir das genau so vor.

# FIT FOR FUN – Sport ist im 5-Sterne-Hotel auch nicht weniger anstrengend

Bevor es so weit ist, mache ich aber doch lieber noch ein bisschen Sport. Hier gibt es ein kleines, schickes Fitnessstudio, das probieren MacGyver und ich gleich mal aus. Der Mann schwingt sich aufs stationäre Rennrad, weil er für den vierten Tag eine Mountainbike-Tour gebucht hat und trainieren will. Und ich renne zum Warmwerden eine halbe Stunde auf dem Laufband, um anschließend die Geräte zu testen. Handtücher und Wasser gibt es für Sportler gratis.

Wir haben das Studio für uns allein, bis eine Frau zu uns stößt und sich auf dem Stepper abrackert. Plötzlich sagt sie: »Eigentlich schade, dass man das Meer von hier aus nicht sieht.« Dann lacht sie und meint: »Das ist Jammern auf ganz schön hohem Niveau, oder?«
Ich lache mit und stimme ihr zu. In diesem Hotel hat man nämlich von absolut jedem Zimmer aus Meerblick. Ferien im Fünf-Sterne-Hotel eben.

# WEDDING PLANNER am Radisson-Pool

Gleich am ersten Morgen nach unserer Ankunft komme ich mir vor wie an einem Filmset. Auf einem Schild »The perfect Wedding« werden die Hotelgäste quasi zu einer dort stattfindenden Hochzeit zwangseingeladen.

Rund um ein kleines Podium direkt am Pool neben der Bar wuseln etliche ordentlich frisierte junge Damen in schwarzen Etuikleidern und Ohrstöpseln mit Funk herum. Die erste der schwarzen Grazien positioniert sich am gläsernen Fahrstuhl, um den Hochzeitsgästen die richtige Richtung zu weisen, die zweite nimmt sie am mit Rosenblättern gesäumten Marmorweg in Empfang.
Nummer drei und vier kann ich vom Pool aus leider nicht mehr sehen – wie unwirklich, faul im Salzwasserbassin am Rand zu dümpeln und gleichzeitig ein schick gekleidetes Gästepaar nach dem anderen her- und vorbeiflanieren zu sehen.

Auch der Hochzeitszeremonie kann man sich nicht so recht entziehen, selbst wenn man es wollte. Denn selbstverständlich ist auch ein ziemlich guter Operntenor angeheuert worden, der rührende Balladen und herzergreifende Arien schmettert und die gesamte Hotelanlage beschallt.

# SHOPPING BY BOAT

Im Süden Gran Canarias gibt es einen Fähr-Linienverkehr, mit dem es sich bequem und gar nicht so teuer im Stundentakt zwischen Playa del Inglés und Mogán pendeln lässt. Die modernen Glasboden-Schiffe tuckern in gemütlichem Tempo an der Küste entlang, sodass man in Ruhe erstaunte oder schockierte Blicke auf das werfen kann, was Architekten hier so verbrochen haben. Tatsächlich klebt hier am Felshang auch die eine oder andere ärmliche Hütte aus Treibholz und Stofffetzen.

Malerisches Mogán

Ein Besuch von Mogán lohnt sich. Dieses Dorf wird auch das »Venedig Gran Canarias« genannt, weil hier zwei oder drei Brücken mitten im Dorf sind.
Puerto Rico haben wir ausgelassen, da reichte uns der Anblick von Bord aus.
In Anfi geht man nur an Land, wenn man teuer shoppen möchte, Arguineguín ist ein ziemlich scheußliches Nest mit Betonfabrik, abgerockten Gebäuden und grässlichen Läden. Ein ausgestorbenes Shopping-Center haben wir auch entdeckt. Gespenstisch leere Läden, nur ein Supermarkt im Keller hält sich dort noch.
In Playa del Inglés findet man genau das, was man sich klischeehaft so vorstellt: alle möglichen Shops, reichlich Restaurants und Bars. Tagsüber hat man hier beschauliches Treiben, abends treiben besoffene Engländer und Deutsche ihr Unwesen.

# MacGyver – Dein Einsatz!

Einer rothaarigen Engländerin ist eventuell der Alkoholkonsum oder die knallende Sonne oder beides zum Verhängnis geworden. Ganz bestimmt aber mangelndes Körpergefühl. Sie sitzt direkt vor uns auf der Fähre, fasst sich immer mal wieder an die Stirn, sie scheint Kopfschmerzen zu haben.
Das registriere ich so nebenbei, betrachte nachdenklich ihren sommersprossigen nackten Rücken und denke noch: Warum setzt die sich denn nicht in den Schatten?
Da sackt die junge Frau auch schon ohnmächtig nach hinten, ihr Begleiter ruft laut »HELP!« – gerade in dem Moment, als der Kapitän launig etwas von »Fischefüttern« und »Freiwillige vor« von sich gibt.

MacGyver stützt die Frau geistesgegenwärtig von hinten. Er schnappt sich die im Hafen von Mogán gekaufte Wasserflasche und drückt sie dem herbeieilenden Kapitän in die Hand. So konnte die von der Sonne gestochene Britin schnell von außen und innen gekühlt und wieder zu Bewusstsein gebracht werden. Den Rest der Fahrt verbringt sie im Schatten und wird im nächsten Hafen von der Ambulanz abgeholt.
So etwas passiert hier immer wieder, und man ist bei allem Mitleid doch geneigt zu sagen: Selbst schuld.

# WASSERSPORT an der Südküste

Im Hafen von Anfi und Puerto Rico präsentiert sich ein fast unüberschaubares Angebot an Wassersport-Aktivitäten. Klassisches Bananaboat-Reiten und Tretbootfahren sind hier möglich, aber auch Surfen, Wasserski, Jet-Ski, Parasailing oder die Trendsportart Stand-up-Paddling.

Außerdem gleiten hier im Atlantik die größten Katamarane, die ich je gesehen habe, über das Meer. Und selbstverständlich kann man sich Yachten für Privatausflüge mieten, wenn man gerade genügend Kleingeld in der Tasche oder auf dem Konto hat.
Ich habe aber auch tatsächlich Menschen gesehen, die einfach so ins Meer gegangen sind, um zu schwimmen. Verrückt. 😜

Verrücktheiten zum Thema Strandsport kann ich hier morgens von »meiner« Terrasse aus reichlich beobachten. Haufenweise Jogger touren vorbei, einer davon ist bestimmt über 80 Jahre alt, den Blick durch fortschreitenden Morbus Bechterew zwangsweise auf den Boden geheftet.
Am lustigsten finde ich diesen halbsportlichen Blonden in riesigen rosa Bermudas und stylishem Bun, der im Stechschritt über den Strand walkt, an den Klippen kehrt macht und in die andere Richtung düst. Wieder und wieder. Ob das jetzt hektisches Braunwerden sein soll oder seine Smartwatch das drohende Verfehlen des täglichen Schrittzieles gemeldet hat, kann ich natürlich nicht sagen.

# FREE MOTION – oder MTB für völlig Verrückte

Mein MacGyver in Aktion

MacGyver hat schon ziemlich schnell den perfekten Veranstalter für geführte Mountainbike-Touren ausgemacht. Ich hatte ihn eigentlich begleiten wollen, aber meine anfängliche Motivation legt sich blitzartig, als ich sehe, dass die »Einsteiger«-Tour für Menschen mit mindestens 1000 Radkilometern pro Jahr ausgelegt ist. Und etwa 1000 Höhenmeter müssen überwunden werden.

Ja, okay, ich komme aus Norddeutschland, Höhenmeter überwinde ich beim Joggen auf dem Elbhang nur 80 und finde das schon echt toll. Ja, ich fahre zwar oft mit dem Rad, aber dann sind es immer nur weniger als zehn Kilometer – pro Tag, nicht pro Tour. Na gut, ehrlicherweise: Es sind allermeistens weniger als vier Kilometer. Ich räuspere mich also und murmele, ich sei – äh – wohl raus.

Ich bin jedenfalls froh, dass MacGyver heil wieder zurückgekommen ist. Ein Taxifahrer hat mir nämlich erzählt, dass die Motorradfahrer in den Bergen völlig verrückt seien und sich auch unter den Autofahrer etliche Idioten befänden (manche davon werden Taxifahrer, möchte ich anfügen). Die Tour (und auch die zweite, an der der Mann teilgenommen hat) ist aber zum Glück äußerst professionell und kompetent vom Team von Free Motion durchgeführt worden.

# Jacuzzi für Fortgeschrittene

Das mit dem Whirlpool habe ich übrigens am vierten Tag entnervt aufgegeben. Ich möchte ja kein Wasser, aber auch keine Zeit verschwenden, es dauert ziemlich lange, bis so eine Wanne ausreichend gefüllt ist. So bin ich also so pfiffig, das Bassin halb voll laufen zu lassen, damit später –  wenn Einstiegsbedarf wäre – der Pool schnell gefüllt ist. Die Idee ist zumindest großartig gewesen.

Anscheinend ist aber bedauerlicherweise das Housekeeping-Personal angewiesen, regelmäßig den Stöpsel zu ziehen. Beim ersten Mal liege ich gerade im Vorgarten und sonne mich, als ich glucksende Geräusche vernehme und noch dazuspringen kann, um den Stöpsel wieder reinzustöpseln. Da ist der Pool aber schon halbleer. Grummelnd lasse ich das Jacuzzi wieder volllaufen.

Am nächsten Tag bin ich leider einen Moment nicht im Apartment – schwupps, sind die guten Geister vom Room-Service dagewesen und haben erneut den Stöpsel gezogen.

Beim dritten Versuch sind MacGyver und ich gerade auf Bootstour, als uns eine SMS unseres Sohnes erreicht: Soll der Whirlpool leer gemacht werden? Mein NEIN! erreicht ihn leider viel zu spät.

Was soll ich sagen? Wir haben es aufgegeben. Blubberwasser wird sowieso überbewertet. Irgendwas ist ja immer.

Claudia Stieglmayr

Ganz schön bunt – gedeckter Tisch in meinem Garten für Biene, Hummel und Co.

# Fetthenne

Es ist Herbst geworden in meinem Garten. Und dennoch blüht es dort wie verrückt, Bienen und Hummeln haben hier noch allerlei für ihren Wintervorrat zu sammeln. Vor allem die Fetthenne – botanischer Name: Sedum – hat es ihnen angetan. Das ist eigentlich eine recht unspektakuläre Pflanze, ich habe sie in einem Baumarkt erstanden, weil sie von vielen kleinen Hummeln bevölkert wurde. Diese Staude ist pflegeleicht und erfreut mich jedes Jahr aufs Neue mit ihren vielen kleinen Blüten.

# Rosenjahr 2019

Dieses Jahr war ein absolutes Rosenjahr, meine Lieblingsrose hat sogar viermal geblüht (Foto unten, Mitte). Anscheinend habe ich ihr zur rechten Zeit die richtige Menge Dünger gegeben. Außerdem habe ich brav jede verblühte Blüte abgeschnitten, sodass die Pflanze die Kraft in neue Triebe anstatt in Hagebutten gegeben hat. Die Bilder unten links und rechts zeigen meine Harlekinrose, die ich vor zwei Jahren eigentlich schon entsorgen wollte, weil sie so vor sich hin mickerte, aber an einem anderen Standort hat sie ihre Chance genutzt. Die übrigen Rosen waren jetzt – Mitte September – leider schon verblüht.

# Modeblume Dipladenie

Die Dipladenie oder Mandelvilla hat sich in den vergangenen Jahren zur Modepflanze entwickelt. Es macht aber auch wirklich Spaß, ihr beim Ranken zu helfen und sich an der Farbvielfalt der Blüten zu erfreuen. Ich habe in diesem Sommer drei verschiedene Farben im Garten und auf der Terrasse gehabt: weiß, rosa und rot.

# Wunderschöne Dahlien

In 2019 neu in meinem Garten sind die Dahlien. Ich hatte früher immer eine undefinierbare Abneigung gegen diese Herbstblüher, vielleicht lag das daran, dass meine Oma und meine Mutter immer so ein Gewese darum gemacht haben, wann die dolle Knolle im Herbst aus der Erde muss und wie sie zu überwintern ist.

# Löwenmaul, Susanne, Wandelröschen & Co.

Und was blüht hier sonst noch so? Da sind natürlich die Löwenmäulchen, die ich so sehr liebe und die in keinem Jahr als Kübelpflanze fehlen dürfen. Säen sie sich selbst aus, dann dürfen sie auch zwischen Gewegplatten wohnen, kein Löwenmäulchen wird von mir je herausgerissen werden. Und jedes Jahr rankt bei mir auch die Schwarzäugige Susanne irgendwo entlang. Das Wandelröschen ist ein bunter Beetgeselle, der majestätische und empfindliche Hibiskus hat in diesem Jahr auch endlich mal geblüht. Löwenzahn (ohne Foto) findet man in meinem Rasen, und überall siedelt sich die Campanula, die Karpatenglockenblume, an. Ewigkeiten wohnt hier schon Topinambur und blüht so schön sonnig gelb im Herbstlicht. Zart und geflammt sind dieses Jahr die Neulinge bei mir, die kleinen Nelken. Und selbst gesät hat sich ein Hornveilchen, das ich beim Rasenmähen stets verschone. Natürlich dürfen auch die berühmte Schattenblüher bei mir nicht fehlen: die Hortensien.

# Salbei, Flieder, Oleander…

Last, but not least: Weil ich zufällig las, dass man den Sommersalbei nach der ersten Blüte zurückschneiden kann, damit er zum zweiten Mal blüht, tut er mir tatsächlich diesen Gefallen. Sehr erfreut. Mein Sommerflieder ist unglücklich im Topf, der muss einen neuen Platz im Garten finden. Mein Oleander blüht auch noch immer, die Erdbeeren haben heimlich geblüht und tragen jetzt noch Früchte. Auch neu in 2019 ist bei mir die Cosmea, die sehr anspruchslos ist und mir große Freude macht. Zu guter Letzt können wir jetzt noch die letzten Himbeeren naschen, bevor die Hunde sie ernten.

Vom 90-Jährigen, der in mein Auto stieg und die Welt klein machte

Neulich kam ich gerade mit meinen Hunden aus dem Wald, da sah ich an der Bushaltestelle in unserer Straße einen älteren Herren stehen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, aber ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass der Mann den Bus wohl verpasst haben musste. Hier fährt nur einmal in der Stunde einer. Na ja, geht mich ja auch nichts an.

Als ich mich näherte, entfernte sich der Mann ein paar Schritte von der Haltestelle, blieb dann wieder stehen, drehte sich unsicher zu uns um, ging wieder ein paar Schritte und blieb dann stehen.

Irgendetwas in seinem Verhalten fand ich anrührend, und es brachte mich dazu, ihn freundlich anzusprechen: »Der Bus wird wohl schon weg sein, der fährt hier immer um fünf vor.« – »Ach«, sagte der Herr, »ich war eigentlich rechtzeitig da, aber es ist kein Bus gekommen. Ich habe hier oft Pech.«

Da fiel mir ein, dass tatsächlich einmal am Vormittag und einmal am Nachmittag ein Bus ausfällt. Das sagte ich ihm auch. Da schmunzelte der alte Herr und sagte: »Das ist dann wohl immer dann gewesen, wenn ich hier meinen Freund im Altenheim besucht hatte.« Ich fragte ihn, wohin er denn wollte, und er antwortete, er müsste dann zum ZOB. Ich präzisierte: »Nein, ich meine, wo wohnen Sie denn?« Er lachte amüsiert und sagte: »In der Oberstadt

Ich weiß nicht, warum, aber in diesem Moment hatte ich das tiefe Bedürfnis, ihn nach Hause zu fahren. Dieser alte Mann war mir überaus sympathisch, vielleicht erinnerte er mich an meinen verstorbenen Vater, ich weiß es nicht. Ein warmes Gefühl im Bauch war das. Fast liebevoll.

Also sagte ich: »Darf ich Sie eben schnell nach Hause fahren?« Er winkte ab: »Das kann ich doch fast nicht annehmen, das ist ja nett.« Ich: »Das können Sie fast nicht ablehnen! Bis da vorn dürfen Sie noch überlegen, da wohne ich, und da steht mein Auto

Er druckste noch ein wenig herum, aber allein der Weg zum ZOB ist mehr als einen Kilometer lang, vielleicht brachte ihn diese Überlegung dazu, mein Angebot schließlich anzunehmen.
»Ich hole nur eben den Schlüssel, bringe die Hunde rein und sage meinen Kindern Bescheid.«

Im Auto setzten wir unsere Unterhaltung fort. Er erwähnte ganz uneitel, dass er schon neunzig Jahre alt wäre, was ich gar nicht glauben konnte, denn ich hatte ihn auf höchstens Ende siebzig geschätzt. Ich fragte ihn nach dem Namen des besuchten Freundes, und er nannte einen seltsamen Spitznamen und einen normalen Nachnamen. Köster*. »Ich kenne einen Köster mit ähnlich seltsamem Spitznamen. Der wurde Püschel genannt.« – »Das ist sein Bruder, der ist aber schon lange tot.« Das wusste ich, der hatte ja bei uns in der Straße gewohnt.

»Wohin genau müssen wir fahren?«, fragte ich. Er nannte einen Straßennamen. Ich murmelte: »Das kenne ich, da wohnten meine ersten Schwiegereltern.« – »Wer denn? – Ach, Habermehls? Die Mutter wohnte fast direkt neben uns.« Wie klein die Welt ist. »Und wie ist denn eigentlich Ihr Name?«, fragte ich den Herren mit den lachenden, vor Schalk blitzenden Augen. »Tigrens«, sagte er. Ich: »Ich kannte einen Michael Tigrens, der war mal ein Jahr in meiner Klasse. In der 7. war das, und ich war schrecklich verliebt in ihn.« – »Das ist mein Sohn.« Und die Enkelin von Herrn Tigrens ist in der Klasse meiner Tochter. Na klar.

Die Welt ist so klein, die Fahrt war so kurz. Aber mein Herz war ganz erfüllt von dieser netten Begegnung. So ist es, wenn man in einer Kleinstadt geboren, aufgewachsen und verwurzelt ist: Man trifft Menschen, die man nicht kennt, aber irgendwelche Schnittpunkte gibt es eben fast immer.

Claudia Sieglmayr

* alle Namen geändert

Mama ist tot, und ich bin ihr böse.

von Claudia Stieglmayr

#Oma ist jetzt in einem langen Traum

Mama und Enkelin 2005 bei meiner Hochzeit mit MacGyver.

»Oma ist jetzt in einem langen Traum.« Das beschloss mein zehnjähriger Philosoph, als wir ihm mitteilten, dass seine Oma in der Nacht verstorben war. Das ist eine tröstliche Vorstellung, aber dennoch überwiegt die Wut in mir, weil ihr Tod absolut nicht nötig gewesen wäre. Noch nicht. Noch lange nicht! Sie war zwar 83 Jahre alt, hatte aber »bloß« kaputte Rückenwirbel. Noch ein Vierteljahr zuvor hatte ein Check-up ergeben, dass fast alle Blutwerte perfekt waren, nur die Nierenwerte nicht so ganz. Meine Mutter ist letztlich tatsächlich einfach nur an ihrem Trotz gestorben.

Ich bin wahnsinnig traurig, sehr böse und ein bisschen verzweifelt. »Wenn wir dir auch Ruhe gönnen, so ist doch voll Trauer unser Herz. Dich leiden zu sehen und nicht helfen zu können, das war unser größter Schmerz.« Das steht in der Traueranzeige und fasst exakt die letzten Wochen vor ihrem Tod zusammen. Sie wollte sich nicht helfen lassen, sie wollte keine Medikamente nehmen, sie wollte aber auch nicht sterben. Was sie wollte, war ein Wunder. Sie wollte, dass ihr Rücken ganz von allein nicht mehr schmerzte. Und so wartete sie ab. In ihrem Sessel im Wohnzimmer. Tag und Nacht. Aber es wurde nicht von allein besser, natürlich nicht.

#Warten auf ein Wunder

Während sie wochenlang wartete, vergaß sie immer mehr wichtige Dinge. Sie vergaß ihre Augentropfen, die sie vor Erblindung bewahren sollten. Sie vergaß, ihren Hund zu füttern. Und sie vergaß, ausreichend zu trinken.

Bis etwa drei Wochen vor ihrem Tod schaffte sie es noch, durch den Garten zu gehen, um abends mit uns gemeinsam zu essen. Zuerst ging sie noch allein hin und zurück. Dann begleitete ich sie nach dem Essen nach Hause, weil es dunkel war und sie schlecht sehen konnte. Zum Schluss holte ich sie ab und begleitete sie heim. Als ich sah, dass sie zu schwach war, brachte ich ihr schließlich das Essen, von dem sie immer weniger zu sich nahm.

#»Ich habe immer wenig getrunken.«

Niemand schaffte es, sie zum ausreichenden Trinken zu ermuntern. Nicht ich, nicht MacGyver, nicht ihre Enkel, nicht der vier Wochen vor ihrem Tod von mir für die Medikamentengabe engagierte Pflegedienst. »Ich habe immer wenig getrunken«, sagte sie dann oft trotzig.

Als die Schwestern vom Pflegedienst meine Mutter schließlich nach zwei Wochen dazu bewegen konnten, sich beim Unkleiden helfen zu lassen, wurde das Ausmaß der Katastrophe – der Zustand ihrer Haut – sichtbar: Meine Mutter war bereits so dehydriert, dass eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr durch Trinken nicht mehr möglich war.

Weil allen klar war, dass sie einen Rettungswagen wieder fortschicken würde, bat man mich also, meine Mutter davon zu überzeugen, dass ein Besuch der Notaufnahme sinnvoll und lebenswichtig wäre. Besucht haben wir am Ende tatsächlich das Krankenhaus, aber es blieb bei einer Stippvisite. Sie verweigerte hartnäckig die Behandlung und unterschrieb damit ihr Todesurteil.

Am Morgen darauf wollte ich mit ihr eine Patientenverfügung verfassen, doch auch das lehnte sie als unsinnig ab: »In zehn Tagen bin ich wieder fit.«

Von dem Tag an verschlechterte sich ihr Zustand zusehends, die Bewusstseinstrübung schritt fort, sie schlief immer mehr, sah nicht mehr fern, starrte nur so vor sich hin und wartete eigensinnig auf Besserung. Die Lieferung des ersehnten Pflegebettes nahm sie kaum wahr, darin gelegen hat sie schließlich nur wenige Stunden.

#»In zehn Tagen bin ich wieder fit!«

Nach zehn Tagen war sie natürlich nicht wieder fit, sondern wurde mit Verdacht auf Darmverschluss ins Krankenhaus eingeliefert. Dagegen konnte sie sich nicht mehr widersetzen, denn bei akuter Lebensgefahr zählt ein Nein nicht. »Nein« war tatsächlich ihr letztes Wort. Der Ileus-Verdacht bestätigte sich zwar nicht, aber der Zustand meiner Mutter war insgesamt katastrophal, die Prognose denkbar schlecht, die Nieren arbeiteten nicht mehr, multiples Organversagen drohte. Nun war meine Mutter letztendlich doch dort angekommen, wo sie keinesfalls sein wollte. Und in einem Zustand, den sie nicht haben wollte. Hilflos und fremden Menschen ausgeliefert.

Gemeinsam mit der diensthabenden Ärztin in der Notaufnahme unseres Krankenhauses musste ich nun mangels einer Patientenverfügung nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden, was zu tun und was zu lassen sei.

Das war grausam schwer für mich. Wenn das Innerste doch verzweifelt ruft: »Es ist meine Mama, helft ihr bitte, macht alles, was ihr könnt!«, dann muss dennoch bitteschön der Verstand siegen und nüchtern über Sinn und Unsinn von Behandlung entscheiden.

#Entscheiden über Leben und Tod, Sinn und Unsinn

Als mein zehnjähriger Sohn fragte, ob die Ärzte auch alles Menschenmögliche für Oma getan haben, habe ich ihm das schließlich so erklärt: »Nicht alles, was möglich ist, ist auch immer sinnvoll.«

Und so entschied ich dann schweren Herzens, dass meine 83 Jahre alte Mutter keine Intensivbetreuung bekommen sollte, im Zweifel keine Wiederbelebung, keine Dialyse und keine Ernährung über eine Magensonde. Aber natürlich alles gegen Schmerzen und Antibiose, falls nötig. Zugestimmt habe ich der Infusion der Kochsalzlösung und einer Bluttransfusion. Falls diese beiden Maßnahmen nicht ausreichen sollten, um die Nieren zum Weiterarbeiten zu bewegen, so würde ich meine Mutter gehen lassen, was dann zehn Tage nach ihrer Einlieferung in die Klinik auch geschah.

Es waren schlimme zehn Tage voller Zorn und Fassungslosigkeit, voller Kummer und Sorgen. Zehn Tage, in denen ich mitansehen musste, wie meine Mutter immer weiter fort ging, immer tiefer schlief, bis ihr Herz schließlich zu schlagen aufhörte. Zehn Tage, in denen ich immer wieder zweifelte, ob die Entscheidungen richtig waren, obwohl ich mich gut begleitet fühlte von Pflegedienst und Ärztinnen. Aber letztlich musste eben doch ich die Entscheidungen treffen und die Verantwortung dafür tragen.

#»Mensch, Mama!«

Verlobung 1956. 20 Jahre war meine Mama alt, mein Vater fast 24.

Ich werde immer mal wieder am Grab meiner Mutter stehen und leise mit ihr schimpfen, wie ich auch in ihren letzten Wochen und Tagen mit ihr geschimpft habe: »Wie kann man nur so stur sein? Mensch, Mama!«
Tröstlich ist für mich, dass meine Eltern nach 16 Jahren der Trennung nun wieder vereint sind. Seit der Schulzeit waren sie bis zum Tod meines Vaters 2003 ein Paar.

Trotz allem war Mamas Sterben im Grunde nur konsequent. Ihr Leben lang hat sie starrsinnig verneint, was nicht sein sollte. Noch am Tag, an dem mein Vater starb, verschloss sie die Augen vor dem Offensichtlichen. Auch dass ihr Hund todkrank sein sollte, wollte sie bis zum Schluss nicht wahrhaben. Aber dass dieser zwölf Jahre alte Hund mit einem Milztumor, der jederzeit platzen kann, meine Mutter überlebt, das hätte tatsächlich niemand für möglich gehalten.

#Patientenverfügung!

Im Grunde ist es eine riesengroße boshafte Gemeinheit, jemand anderen für und über sein Leben entscheiden zu lassen. Die Verantwortung nicht selbst tragen zu wollen. Natürlich ist eine Patientenverfügung kompliziert und bedarf im Laufe des Lebens auch immer wieder der Überarbeitung, der Anpassung an das Jetzt, an das aktuelle Lebensalter. Sind die Kinder noch klein, so möchte man selbstredend eine Reanimation, ist man hingegen über 80 Jahre alt und blickt auf ein reiches Leben zurück, womöglich nicht mehr.

Die Frage warum eine Patientenverfügung so wichtig ist und dass sie gar nicht so kompliziert herzustellen ist, habe ich hier beantwortet.

Kau nicht neben meinem Ohr!

von Claudia Stieglmayr

#Miss Funny

Als ich die Idee hatte, doch mal über eine meiner Macken zu schreiben, war ich gerade auf einer regnerischen Hunderunde im Wald. Weil ich im strömenden Regen mein Handy nicht rausholen wollte, dachte ich, ich könnte womöglich zum allerersten Mal Siri bemühen. Ich aktivierte also meine Smartwatch und sagte: »Erinnere mich daran, einen Artikel über Misophonie zu schreiben.« Siri erstellte dann selbstständig eine Notiz und sagte anschließend: »Hier ist deine Erinnerung.« Sie hatte geschrieben: Schreibe einen Artikel über Miso Funny. Das fand ich lustig. Ich bin also Miss Funny.

#Was ist Misophonie?

Was Misophonie allerdings tatsächlich bedeutet, ist weniger lustig. Wörtlich übersetzt heißt das »Hass auf Geräusche«. Wobei nicht die Intensität – die Lautstärke oder die Frequenz – des Geräusches ausschlaggebend für die physische und psychische Reaktion der Betroffenen ist, sondern allein dessen bloße Existenz.

Der Begriff Misophonie wird in der psychologischen Fachwelt seit 2001 verwendet. Nun, es ist ja immer schön, wenn eine seltene Sache einen Namen bekommt. Es sind tatsächlich gar nicht so viele Menschen, die unter dieser Störung leiden. Weniger als ein Prozent der Bevölkerung verspürt einen regelrechten Hass auf manche Geräusche. Daher erfährt der Misophoniker auch generell kaum Verständnis für seine Lage. Und viele Betroffene wissen nicht einmal, dass sie unter einer Störung leiden. Sie gelten in ihrer Umwelt schlicht als superempfindlich.

#79.999 Menschen und ich

Wie ist es also für mich und die geschätzten 79.999 anderen Menschen in Deutschland, die extrem zickig auf bestimmte Geräusche reagieren? Kaugeräusche sind vielleicht ein gutes Beispiel. Natürlich wird von vielen von uns zum Beispiel Schmatzen als ungehörig und unangenehm empfunden. Wer aber an Misophonie leidet, spürt unter Einfluss dieser Geräusche anschwellende Wut, Druck in der Brust oder auf Armen und Beinen. Manchmal steigt sogar der Blutdruck.
Die Betroffenen schaffen es nicht, dieses Geräusch auszublenden oder den Hass darauf zu beherrschen. Das Ohr scheint sich im Gegenteil auf genau dieses Geräusch zu fokussieren und alle anderen, neutralen Umgebungsgeräusche auszublenden. Häufig bleibt dann nur die Flucht aus der Situation.

#Kaugeräusche

©Ylva Stieglmayr

Das Problem mit den Kaugeräuschen habe ich auch insbesondere dann, wenn meine Mutter etwas kaut. Nun, das kann natürlich noch tiefere Ursachen haben. Das liegt daran, dass jedes Schallereignis – auch eine menschliche Stimme – vom Limbischen System eine emotionale Färbung, eine Wertung zugeordnet bekommt.
Jedenfalls ist das alles ziemlich blöd, denn wir essen mittags immer zusammen.

Grundsätzlich habe ich diese Geräuschwut ganz gut im Griff, indem ich dafür sorge, dass es andere Schallwellen in der Umgebung gibt, die den Kau-Sound überlagern. Zum Beispiel dudelt mittags immer das Radio. Und außerdem sorge ich dafür, dass ich nicht direkt neben meiner Mutter sitze. Aber manchmal ist es für mich trotzdem so schlimm, dass ich kurz den Raum verlassen und einmal tief durchatmen muss.

#Popcorn, Chips und Telefon

»Kau nicht neben meinem Ohr!« Diesen mit leicht aggressivem Unterton versehenen, häufig wütend gezischten Befehl kennen meine Kinder zum Beispiel sehr gut. Denn wenn direkt neben meinem Ohr gekaut wird, ist es auch völlig gleichgültig, wer das macht. Das macht mich immer hassig. Gleiches gilt für Menschen, die essen, während sie mit mir telefonieren. Diese kauen mir dann quasi direkt ins Ohr. Das kann ich überhaupt nicht aushalten. Am liebsten würde ich in diesem Momenten den Hörer gegen die Wand knallen.

Das ist übrigens auch einer der Gründe dafür, weshalb ich so ungern ins Kino gehe. Dort sind mit Sicherheit Menschen um mich herum, die mit offenem Mund Popcorn oder Chips kauen. Das kann mir dann den ganzen Film versauen. Außerdem sitze ich sowieso sehr, sehr ungern neben fremden Menschen. Das hat aber generell mehr mit Gerüchen als mit Geräuschen zu tun. Gerüche sind für mich und mein Limbisches System extrem wichtig. So wichtig, dass ich früher mal Schnuffelchen genannt wurde und beim Sport ein Gerät nicht nutzen konnte. Davon ein anderes Mal mehr.

#Einatmen, ausatmen

Neulich habe ich, anstatt in aller Eile einzukaufen, die Trainings-Stunde meines Sohnes nur für mich nutzen und ganz in Ruhe ein Buch lesen wollen. Leider hatte eine andere Mutter dieselbe Idee, und so hockten wir gemeinsam in einer Umkleide. Und sie atmete. Na sowas. Muss sie ja auch. Und vermutlich tat sie es gar nicht nicht wirklich laut (sie röchelte oder schniefte auch nicht), aber ich spürte, wie in mir so langsam und unaufhaltsam die Wut hochkroch.

Früher hätte ich versucht, mich in irgendeiner Weise zusammenzureißen, ich hätte mich blöd und hysterisch gefunden – und hätte dennoch nichts an dieser beständig wachsenden Wut ändern können. So manches Mal habe ich schon, letztendlich doch meine Fassung verlierend, unschuldige Leute angefaucht: »Müssen Sie so laut atmen?« Peinlich.

An jenem Tag war ich jedoch achtsam mit mir und meiner Umgebung und bin genau in dem Moment aufsteigenden Hasses einfach gegangen, habe mich ins Treppenhaus gesetzt und dort mein Buch gelesen. Das war dann völlig okay für mich, und die Wut konnte in Ruhe verrauchen. Die andere Mutter ist übrigens wirklich richtig nett.

#Klickeklick

Manche von Misophonie Betroffenen können nervöses Kugelschreiberklicken nicht ertragen. Und während ich noch darüber nachdachte, ob ich dazugehöre, geschah es.

Ich wartete gerade in einem Wartezimmer darauf, aufgerufen zu werden, als ein anderer Wartender seinen Fragebogen fertig ausgefüllt hatte und damit begann, das lockere Ende des Kugelschreibers zu malträtieren. Klickeklick – klickeklick – klickeklick. Okay, dachte ich, als ich die altbekannte Wut in mir aufsteigen spürte, ja, auch ich gehöre leider dazu. Ehe ich aber ausflippen konnte, wurde ich zum Glück aufgerufen und konnte der unerträglichen Situation unbemerkt entkommen.

#Umgelenkte Aggression

Manchmal müssen auch zwei Trigger gleichzeitig aktiviert werden, damit ich in Rage gerate. Wenn ich beispielsweise versuche, diese Internetsprache zu verstehen und an dem Outfit meines Blogs zu basteln – und es klappt irgendwie nix. Dann entsteht so etwas wie umgelenkte Aggression, und mein Ärger über mich selbst und meine Begriffsstutzigkeit weiten sich quasi auf Umgebungsgeräusche aus. Dann kann es sein, dass ich die Kinder, die ganz friedlich und fröhlich mit der Wii spielen, ganz plötzlich giftig anfauche, sie sollen die Bonbons nicht im Mund zerknacken oder gar mit dem Gummibärchenpapier knistern. Chips kauen geht dann auch überhaupt gar nicht.

#Glück im Unglück

Aber alles in allem habe ich (und damit meine Umwelt) noch Glück gehabt, denn meine Misophonie ist anscheinend eher schwächer ausgeprägt. Es gibt Betroffene, die können kaum noch am öffentlichen Leben teilnehmen, weil sie es beispielsweise nicht aushalten, mit anderen Menschen in Bus oder Bahn zu sitzen.

#Weitere Informationen

Wenn Ihr Euch in meinem Text wiedererkannt habt, findet Ihr hier weitere Informationen zum Thema:

Blende das doch einfach aus! Ein Text zum Thema Hochsensibilität von meiner dienstältesten Schulfreundin und Reisebloggerin Andrea Lammert

Wenn Geräusche in den Wahnsinn treiben
Ohrensausen
Misophonie

Gutes tun und genießen!

Fair gehandelter Kaffee direkt vom Erzeuger

#Moin!

Ohne Kaffee geht nix

Wer mich kennt, der weiß, dass ich morgens erst zu sprechen beginne, wenn ich zwei Redeye mit Milch intus habe. Ein guter Kaffee ist mir also extrem wichtig, ansonsten kann es sein, dass ich den ganzen Tag lang schlechte Laune habe.

#Keine Milch mehr da? Katastrophe!

Richtig ausgeflippt bin ich einmal, als eines meiner Kinder den letzten Schluck Milch verbraucht hatte, der für meinen Kaffee eingeplant war. Damals bin ich dann schnell ganz kleinlaut geworden, denn ich habe in unserer Ferienwohnung auch immer für solche Notfälle eine Packung H-Milch im Schrank. Nun, seitdem fragen meine Lieben jedenfalls immer, ob noch Milch da ist, bevor sie den letzten Rest aus der Flasche verschlingen. Außerdem wissen alle, dass ich richtig böse werde, wenn Milch verschwendet wird, indem sich zu viel ins Müsli gegossen und der Rest dann stehen gelassen wird. Ich finde nämlich, wenn wir den Kälbchen schon die Muttermilch stehlen, dass sollten wir auch achtsam damit umgehen.

#Achtsamkeit und Nachhaltigkeit

Einen Espresso, bitte!

Achtsamkeit und Nachhaltigkeit ist ebenfalls immer ein Thema bei mir. So ist es also auch beim Kaffee. Er soll natürlich in erster Linie gut schmecken, aber ich lege auch Wert darauf, dass er fair gehandelt ist. Und natürlich haben wir einen ganze Bohnen schreddernden Kaffeevollautomaten in der Küche. Ganz ehrlich: Es gibt doch nichts, was dämlicher und unökologischer ist, als diese Kapselmaschinen, wo in den Alu-Kapseln oft minderwertiger Kaffee drin ist, der aber dafür umgerechnet 70 Euro das Kilo kostet. Darüber kann auch ein George Clooney nicht hinwegtrösten.

#Chania Coffee – The story of my people

Kürzlich war ich im örtlichen Teeladen, um mir nach einer ganz besonders anstrengenden Woche eine Belohnung zu gönnen, die nicht gleich auf die Hüften wandert oder betrunken macht. Da wurde ich von der zauberhaften Inhaberin auf eine ganz besondere Kaffeerösterei aufmerksam gemacht: »Chania Coffee – The story of my people«

Und als sie mir berichtete, dass sie die Chefin dieses kleinen Unternehmens, Muthoni Schneidewind, persönlich kennt und mir die Geschichte zu diesem Kaffee erzählte, war ich tief beeindruckt und sogleich sehr neugierig darauf, diesen Kaffee auszuprobieren.

#Helfen mit Genuss

Muthoni ist am Fuße des Mount Kenia in einer Kaffee produzierenden Gemeinde geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern arbeiteten hart auf der Farm, um ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Muthoni wurde Kaffeerösterin und lebt inzwischen in Kaltenkirchen bei Hamburg. Weil das Leben in ihrem kenianischen Heimatdorf noch immer schwer ist, gründete sie Chania Coffee, um den Verein KEDOVO durch den Verkauf des direkt aus ihrem Dorf importierten und nachhaltig produzierten Kaffees zu unterstützen. Natürlich fair gehandelt, aber eben auch direkt und ohne große Verwaltungskosten großer Fair Trade-Unternehmen, sodass das Geld direkt in Schulprojekte und in die Entwicklung der Dörfer fließen kann. Das finde ich ganz großartig!

Köstlicher Kaffee aus Kenia

Oh, und natürlich würde ich nicht darüber schreiben, wenn der Kaffee selbst nicht auch großartig wäre. Ich habe den Jambo Kahawa gekauft, 100 % Arabica und langsam geröstet. Natürlich ist dieser Kaffee mit 23,96 € pro Kilo im Onlineshop und 27,80 € bei uns im Teeladen deutlich teurer als die Bohnen großer Kaffeeröstereien aus dem Supermarkt. Aber das Gefühl, mit jeder einzelnen Bohne ein wirklich gutes Projekt zu unterstützen, lässt mir meinen Redeye noch viel köstlicher erscheinen. Und dieses Gefühl ist wirklich unbezahlbar.

Ich bin dann mal kurz weg

Ein völlig undramatischer OP-Report

# Geht es überhaupt ohne mich?

Die Notfalltasche ist gepackt, ich soll um acht in der Klinik sein. Ein Routineeingriff, keine große Sache. Aber ich bin Mutter. Und deswegen ist eben doch alles anders. Was ist, wenn… wenn ich nicht mehr aufwache aus der Narkose? Solche Gedanken gehen durch meinen Kopf. Und auch: Wie schön, dass die Kinder nicht mehr ganz klein sind und ich sicher sein kann, dass mein persönlicher MacGyver alles im Griff hat.

# Gut geplant, ist halb operiert.

Links oder rechts? Wo ist das Reh nur hin?

Geplant war, dass ich mich um acht auf der Station melden soll. Geplant war, dass ich um halb sieben in der ersten Dämmerung mit den Hunden in den Wald renne, damit sie eine Stunde Auslauf haben, denn den Rest des Tages wird es für sie bei Bedarf nur den Garten zum Pinkeln geben. Und wie es mir am Tag danach gehen wird, weiß ich ja noch gar nicht.

Aber dann kommt am Abend vor der Operation der Anruf der Stationsleitung: Antreten schon um sieben, ich bin von Startplatz vier auf zwei vorgerückt. Also gibt es hier ebenfalls eine Planänderung, und ich muss im Dunkeln mit Taschenlampe in den Wald, und zwar um halb sechs. Die große Runde fällt leider aus: Die Gefahr, dass sich um diese Zeit in diesem Waldteil Rehwild aufhält und meine Rennteile zum Hetzen animiert, ist mir zu groß für Freilauf.

# »Ich hab euch lieb!«

Als ich den Heimathafen schließlich um kurz nach halb sieben in Richtung Klinik verlasse, sind die Brotdosen für die Kinder gefüllt, die Küche ist aufgeräumt, die Sprösslinge geweckt. Ganz wichtig ist mir auch, dass ich zum Abschied noch allen sage, wie lieb ich sie habe. Man weiß ja nie… Außerdem habe ich schnell noch alle offenen Rechnungen bezahlt, die Wochenarbeitszeit wurde bereits in den Tagen zuvor vorgearbeitet. Am kommenden Montag fällige Texte habe ich schon am Mittwoch um vier Uhr morgens in Richtung Verlag abgeschickt. Falls…

# Und erstens kommt es anders…

»Moin, meine Liebe, es hätte doch alles wie geplant laufen können, Sie sind jetzt nämlich erst Nummer drei, eine große OP bekommt Startplatz eins.« Tut mir für die Hunde leid, ansonsten freue ich mich darauf, die Wartezeit mit einem guten Buch zu verbringen, zum Lesen fehlt mir im Alltag ja oft die Zeit.
Ich bekomme ein OP-Outfit in die Hand gedrückt und ein Bett in einem Dreier-Zimmer zugewiesen. Dort wohnt schon eine Dame, die an diesem Tag ihre Entlassung erwartet, das zweite Bett ist für eine ebenfalls ambulant zu Operierende wie mich gerichtet.

# »Buchen Sie schon mal ein Reiseziel!«

Um kurz vor elf geht es endlich los. Während ich doch sonst ein eher ängstlicher Typ bin, wundert mich kurz, dass es im medizinischen Bereich nicht so ist. Weder beim Zahnarzt noch jetzt hier in der Klinik. Ganz anders war es, als mein Kleiner eine OP hatte, diese Wartezeit und dieses Nichts-Tun-Können für ihn war ganz schlimm für mich.
Nein danke, keine Beruhigungstablette vorher, ich bin nicht ängstlich, freue mich, den Narkosearzt aus dem Vorgespräch anhand seiner zwischen Mundschutz und OP-Haube hindurchblitzenden Augen wiederzuerkennen (obwohl ich keine Brille aufhabe), vertraue.

Der periphere Venenkatheter, besser bekannt als Kanüle (oder Braunüle, was aber eigentlich ein Markenname ist) wird gelegt, ich spüre, wie die Schwester meine Vene durchsticht und das mit »Oh, ich habe gekleckert!« zu überspielen versucht. Grmpf. Der blaue Fleck, der sich am Unterarm bilden wird, wird mindestens eine Woche lang zu sehen sein. Das weiß ich jetzt schon. Und vergessen werde ich auch nicht, dass diese olle Zippe von OP-Püppi meine Ärztin schlechtgemacht hat. Das ist wirklich wenig hilfreich, so zwei Sekunden vor Lichtaus.

# Ab in den Urlaub

Der zweite Anästhesist macht Witzchen und sagt, ich solle mir schon mal einen schönen Urlaubsort vorstellen, zu dem ich dann gleich reisen würde. Die erste Spritze landet in der Braunüle. Also, jetzt müsse ich mich aber für einen Urlaub entschieden haben, sagt er, viel Zeit sei nun nicht mehr vor dem Abflug. Dann setzt er die zweite Spritze. Um meine Nase fühlt es sich kalt an, dann habe ich noch ein seltsam brennendes Gefühl in der Brust, dann nichts mehr…

# Urlaub beendet

Es ist seltsam, ganz woanders aufzuwachen als man eingeschlafen ist, finde ich. Mein Blutdruck ist 110 zu 70, genau wie direkt vor der OP. Die Schwester ruft gerade auf Station an, ich sei schon die ganze Zeit wach und könne dann mal weg.

»Wie spät ist es?«, frage ich. »Das haben Sie mich eben schon gefragt und fragen das bestimmt gleich noch mal: Es ist gleich zwölf«, sagt die Schwester fröhlich.
Ups, anscheinend gibt es so etwas wie Narkosedemenz.

# Zimmer mit Aussicht

Der ganze Spuk hat keine Stunde gedauert. Als ich auf Station geschoben werde, erfahre ich, dass MacGyver auch schon mal kurz da war. Wie süß, es war doch verabredet, dass ich mich melde, wenn ich wieder wach bin. Vermutlich sind sich sogar die Fahrstühle begegnet, denn er kam auf der Station an, als ich gerade auf dem Weg in den OP war. Das ist eine nette Vorstellung.

Dreibettzimmer mit Elbblick

Zurück im Stations-Zimmer werde ich von den anderen Damen so begeistert und mit Applaus empfangen, als hätte ich bei Shopping-Queen gewonnen. Dabei hatte ich mich gar nicht an deren Gesprächen vor dem Eingriff beteiligt, ich wollte ja lesen. Aber nun bin auch ich zum Plaudern aufgelegt.

Wir sind multikulti. Wir kauderwelschen deutsch und französisch und italienisch miteinander. Die gesamte Familie der Patientin direkt neben mir ist da, erfahre ich. Im Zimmer sind aber nur ihre Tochter und deren Freundin. Sie selbst spricht auch nicht, die Mädchen plaudern mit uns und verraten, dass die Mama große Angst vor ihrer OP hat. Die Männer warten im Flur, das gebietet die Höflichkeit bei den Muslimen.

Patientin Nummer eins erfährt, dass sie nun doch noch eine Nacht bleiben muss, ein Blutwert ist nicht gut. Ihr Abholkommando, bestehend aus Sohn und Tochter, muss wieder abziehen.

# Wieder daheim

Ich soll noch ein paar Stunden das Krankenhausbett hüten, darf am späten Nachmittag aber endlich wieder nach Hause. MacGyver holt mich ab und bewacht mich für 24 Stunden. Mindestens eine Woche lang soll ich mich körperlich schonen. Man würde mich normalerweise krankschreiben, aber das hat bei mir ja keinen Sinn – die Arbeit, die liegenbleibt, muss ich dann ohnehin nachholen, was Doppelschichten bedeuten würde. War schon immer so, Vertretungen gibt es nicht, für Urlaube und Krankheiten muss vorgearbeitet werden. Zum Glück ist es keine schwere körperliche Tätigkeit, ich sortiere ja nur Buchstaben von intellektuell leichter Kost, das kann ich auch im Bett liegend tun.

# Die Tage danach

Noch Tage nach der OP wuselt mein Zehnjähriger auffallend häufig um mich herum, möchte immer wieder einen Knuffel und sagt mir, dass er mich liebhat. Er hat sich offensichtlich große Sorgen um mich gemacht, obwohl ich mich bestimmt darum bemüht habe, sachlich und altersgemäß zu informieren und keine Panik zu verbreiten. Ich war selbst auch wirklich nicht ängstlich, die Gelassenheit bezüglich der Operation war also authentisch und nicht gespielt. Aber er hat schon ganz feine Antennen, ich vermute manchmal, dass er hochsensibel ist. Wenn ich dazu den Artikel von meiner Immer-Freundin und Bloggerin Andrea Lammert (Indigo-Blau.de) zum Thema »Hochsensibilität« lese, denke ich: Ach ja, das ist er.

# Wieder fit?

Eine gute Woche bin ich dann doch noch angeschlagen. Ich verpasse auch den Geburtstag einer Freundin, aber die hat mich in diesem Jahr zum Glück auch nicht eingeladen. Vielleicht hatte sie mich schon abgeschrieben, weil ich mich dann doch ein bisschen aus Sorge wegen der OP und natürlich aus Zeitmangel wegen dieser Schulwahlgeschichte zurückgezogen hatte. Man kann es eben nicht allen recht machen, selbst wenn man sich Mühe gibt. Irgendein Schlips liegt immer im Weg rum.

Gutes Essen hält Leib und Seele zusammen

Ich freue mich jedenfalls, dass ich so langsam wieder mit dem Sport beginnen kann, denn ich hatte einfach viel zu viel Zeit zum Essen in der vergangenen Woche. Dafür sind natürlich wiederum wunderbare Rezepte für diesen Blog erkocht worden, zum Beispiel Sauerkraut mit Lachs; alles hat eben immer auch sein Gutes.

Claudia Stieglmayr

Moin!

»Du brauchst einen Blog!«, hat meine Freundin mit Nachdruck gesagt. Das ist Monate her. Warum sie sich da so sicher war, hat sie nicht erwähnt. So ist sie. Sie sät die Saat, keimen muss sie von allein. Nun ist es so weit, jetzt blogge ich, und das hier ist mein allererster Beitrag, verbunden mit großem Dank an indigo-blau.de, an Andrea, die mich inspiriert hat und selbst die allerbeste Reiseblog-Seite betreut, die ich mir vorstellen kann. Klickt mal rein!



Herzlich willkommen!

Neuere Beiträge »

© 2026

Theme von Anders NorénHoch ↑