Kategorie: kinder & co

Homeschooling – null Problemo?

Keine Lust, selbst zu lesen? Ich lese dir den Beitrag vor!

Nur noch eine Woche! Haltet durch, liebe Eltern. Vier von fünf Wochen sind überstanden. Davon waren die zwei Homeschooling-Wochen für mich persönlich die härtesten. Ich brauchte eine ganze Woche, um mich davon zu erholen, ehrlich gesagt. Jetzt liegt die letzte Woche Osterferien vor uns, die schaffen wir locker auch noch. Aber was kommt dann? Müssen Eltern weiterhin ehrenamtliche Lehrer sein? Verstößt das nicht gegen die Menschenrechte und ist reine Quälerei? Ist das noch artgerechte Elternhaltung oder gilt: Homeschooling – null Problemo?

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»Tja, da können die Eltern alle mal sehen, was wir Lehrer so leisten!« Diesen Satz hörte ich heute in der Stadt. Ich hatte einen jungen Lehrer in der Stadt getroffen, der auch schnell noch etwas beim Bäcker einkaufen wollte. Im momentan üblichen Zwei-Meter-Corona-Sicherheitsabstand unterhielten wir uns kurz über die aktuelle Situation. Ich fand das Gespräch nett.
Bis ich mir erlaubte zu sagen: »Homeschooling – null Problemo? Was für ein Schwachsinn! Nicht ohne Grund ist das häusliche Unterrichten in Deutschland nicht erlaubt.«

Und dann fiel dieser Satz. Da können wir also mal sehen, was Lehrer so leisten. Ich kann den Aufschrei der Empörung aller berufstätigen Eltern von schulpflichtigen Kindern förmlich durch die Nation schallen hören.

# Was ist falsch mit euch? Sowas sagt sonst keiner!

Komischerweise habe ich diesen auf den eigenen Beruf irgendwie minderwertigkeitskomplexig klingenden Satz bislang wirklich NUR von Lehrer*innen gehört! Niemals von Ärzten/ Ärztinnen, Krankenschwestern und -pflegern, Lagerarbeiter*innen, Laborant*innen, Müllleuten, Feuerwehrleuten, Polizisten/ Polizistinnen, Verkäufer*innen… Immer nur von Lehrer*innen.

Meine Tochter würde sagen: »Ey, was ist falsch mit dir?« Ich kann mich dem nur anschließen. Denn in dieser Art zu denken liegen gleich mehrere Fehler.

# Warum man Lehrer*in wird

Lehrerkräfte bekommen zunächst einmal schlicht anständiges GELD dafür, dass sie die Kinder fremder Leute unterrichten. Und zwar in einem oder zwei Fächern – vermutlich ihren LIEBLINGSFÄCHERN, die sie sich einst nach ihrem eigenen Abitur SELBST AUSGESUCHT haben. Selbst ausgesucht! Überhaupt haben sie diesen Job völlig ohne Zwang frei gewählt. Eventuell sogar unter anderem deshalb, weil es der persönlichen Neigung entspricht, anderen Wissen zu vermitteln. Womöglich sogar, weil man Kinder und Jugendliche mag.

# Warum man Homeschooling-Mutter wird

Homeschooling-Eltern haben sich nicht nur die Fächer (hallo – es sind außer Sport, Musik und Kunst ALLE Fächer!) nicht selbst ausgesucht, die sie ihrem geliebten Nachwuchs zwischen die Löffel bimsen sollen, sondern die ganze Corona-Situation nicht. Wir müssen auffangen, was von Wirtschaft und Politik versäumt wurde! Ja, klar. Homeschooling – null Problemo!

Warum, zum Teufel, sind die meisten Schulen im 21. Jahrhundert so schlecht ausgestattet an Know-How und Equipment, dass Webinare unmöglich abzuhalten sind?

# Zwangsverpflichtet

Nebenbei bemerkt bekommen Eltern überhaupt keinen Cent für ihren Hilfsunterricht. Stattdessen gibt es Nervenzusammenbrüche, graue Haare und Zornesfalten gratis. Oh, und die Wahrscheinlichkeit ist übrigens hoch, dass diese Eltern in einem anderen als dem Lehrberuf arbeiten und didaktisch nicht so gut drauf sind. Homeschooling – null Problemo?

Obendrein benehmen sich die Schüler während des Unterrichts weitestgehend ganz gut. Das weiß ich aus allererster Quelle, ich habe nämlich meinen Sohn befragt: »Brüllst du im Matheunterricht eigentlich auch so rum und beschimpfst die Lehrerin, sagst, dass du keinen Bock hast und dass sie weggehen (zensierte Ausdrucksweise) und dich in Ruhe lassen soll?« Nee. Macht er nicht. (Hoffentlich stimmt das auch.)

Was ich außerdem anmerken möchte, ist, dass dieses Eigene-Kinder-Unterrichten ZUSÄTZLICH zur normalen (immerhin das ist bei mir normal) Homeoffice* im Brotjob kommt. Ich hatte also beispielsweise zwei 60-Stunden-Wochen.

Dieses Bild der alten Frau, unter dem steht: Dreißigjährige – nach zwei Wochen Homeschooling kommt ja nicht von ungefähr. Oder diese lustigen Bilder von am Boden festgeklebten und geknebelten Kindern, im Hintergrund Mutti, die mit Kopfhörern und den Rücken ihren Blagen zugewandt ihrer eigenen Arbeit nachgeht.

Ey, Leute! Hätte ich Lehrerin werden wollen, dann wäre ich Lehrerin geworden! Mein von mir nach wie vor verehrter und immer mal wieder (zum Beispiel hier) zitierter Englischlehrer hatte Jahre nach dem Abi zu mir gesagt: »Du wärest eine gute Englisch-Lehrerin geworden.«
Ich darauf: »Nein, wäre ich nicht.«
Er: »Warum nicht?«
Ich: »Ich mag keine Kinder.«
Na ja, das stimmt natürlich nicht ganz. Ich mag meine eigenen und wenige andere.

# Voll verschätzt im Homeschool-Pensum

Aber vielleicht wäre ich ja eine super Mathe-Lehrerin geworden. Wer mich gut kennt, wird jetzt amüsiert auflachen… Aber immerhin hätte ich großes Verständnis für alle diejenigen Schüler aufbringen können, die rechnen anstrengend finden – wie durch Watte zu denken.

Das schreibe ich jetzt hier, weil Lehrer*innen, deren Lieblingsfach die Mathematik ist, sich verschätzen könnten, was die Mühseligkeit angeht, mit der die überwiegende Mehrheit der Kinder sich durch ihre Mathejahre kämpft.

Ich meine, von Fünftklässlern zu erwarten, sich ein komplett neues Thema selbst zu erarbeiten, ist auch in Corona-Zeiten recht viel verlangt – selbst für ein Gymnasium! Mein Fünftklässler stand vor den Ferien vor dieser Aufgabe.

Das Pensum sollte auf der Basis von zwei zu lesenden und zu lernenden Buchseiten (mit 1/2 Lerneinheit = 22,5 Minuten veranschlagt) bewältigt werden. Im Anschluss mussten 69 einzelne Aufgaben auf einer Online-Platform mit mindestens 80%igem Erfolg abgeschlossen werden.

Diesen Zeitaufwand bemaß die Lehrerin mit einer ganzen Lerneinheit, also 45 Minuten. 69 Geometrie-Aufgaben in 45 Minuten. Ich kann ja wirklich nicht gut rechnen, aber das schaffe sogar ich: Da hat man weniger als 40 Sekunden pro Aufgabe. Obwohl ihm das Thema liegt, hat mein Sohn fünf Stunden dafür gebraucht.

# Was ist mit Qualitätssicherung? Supervision?

Solch eine Fehleinschätzung ist ganz bestimmt keine böse Absicht. Aber vielleicht verliert der eine oder die andere Lehrende im Laufe der Dienstjahre ein wenig an Bodenhaftung. In Fächern wie Mathe kommt ja nicht wirklich neuer Stoff dazu, Jahr ein Jahr aus wiederholt der Lehrkörper bereits Vertrautes, bis er es automatisch auch im Tiefschlaf kann. Da nimmt es nicht Wunder, wenn Messlatten immer höher gelegt werden. Damit so etwas nicht passiert, wäre eine Unterrichts-Kontrolle durch Kollegen oder ein anderes kompetentes Gremium von Zeit zu Zeit mit Sicherheit sehr sinnvoll.

Tatsächlich müssen sich Lehrer und Lehrerinnen nicht in die Karten schauen lassen, wenn sie nicht wollen. Es gibt keine verpflichtende Supervision. Nach Studium und Referendariat überprüft niemand nimmermehr die Qualität ihres Unterrichts. Bis zur Rente können mehr oder minder untalentierte Lehrende vor sich hinwurschteln und müssen schon mehrfach grobe Verstöße gegen Regeln begehen, ehe ihnen – wenn überhaupt – die Lehr-Erlaubnis entzogen wird.

# Chancengleichheit durch Homeschooling?

Und was ist eigentlich mit der Chancengleichheit? Wenn über Wochen hinweg der Lernstoff nur zu Hause gebüffelt werden kann? Mein Sohn hat Glück (er sieht das anders), denn ich kann ihn unterstützen. Er hat einen ruhigen Arbeitsplatz und gleich mehrere technische Geräte zur (fast) freien Verfügung.

Aber sein Schulfreund, der mit den Eltern und seinen drei Geschwistern in einer winzigen Wohnung lebt, was ist mit dem? Seine Eltern sind keine Muttersprachler, die Geschwister fast alle jünger, Privatsphäre oder Computer gibt es dort nicht.

Experten wie der Chef des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, erwarten diesbezüglich, dass die Bildungsschere bei andauerndem Homeschooling noch weiter auseinandergehen wird. Lest hierzu das Interview mit Meidinger vom 13. April in der »Welt«.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=nqQomlQfXew]

Hier sagt eine israelische Mutter auf YouTube laut und deutlich, was sie vom Homeschooling hält. Sie spricht mir aus der Seele.

Da können die Lehrer mal sehen, was wir Eltern so alles leisten. Homeschooling – null Problemo!

Claudia Stieglmayr

*Tipps für die Homeoffice gibt hier meine Immer-Freundin Andrea auf ihrem Blog.

Wie kann man Wutanfälle vermeiden? Die sechs besten Tipps zur Selbstbeherrschung

Die Nerven liegen nach zwei Wochen Homeschooling und Homeoffice blank. Kein Wunder, denn viele Familien, vor allem jene in den Großstädten, hocken gerade in engen Wohnungen aufeinander, ein Albtraum, wenn man nicht mal einen Balkon hat. Allerorten plagen die Menschen auch Existenzängste und die Sorge um die Großeltern. Nichtsdestotrotz müssen aber Schulpensum und Arbeitsaufkommen bewältigt werden, Kindergartenzwerge wollen beschäftigt sein. Wenn man erschöpft ist, kriecht die Wut viel schneller in den Kopf, Kleinigkeiten lösen dann Explosionen aus. Wie aber kann man Wutanfälle vermeiden?

# Wie kann man Wutanfälle vermeiden?

Meine Familie und ich leben privilegiert in einer Kleinstadt, wir haben ein großes Haus mit Garten, jeder einzelne von uns hat gleich mehrere Rückzugsmöglichkeiten, der Wald ist nur ein paar hundert Meter entfernt, die Elbe ebenso.

Und trotzdem sind zumindest meine Nerven jetzt auch am Ende. Auf die Hunderunden werde ich nun öfter vom Filius begleitet, was ja eigentlich schön ist. Aber so wird die Zeit knapp, die eigentlich Meinezeit ist, die ich zum Regenerieren dringend brauche. Und ich merke auch, wie meine Geduld mit den Kindern immer schneller am Ende ist.

Es macht mich rasend, dass zum vierten Mal am Tag die Toastkrümel nicht beseitigt worden sind. Und warum müssen überhaupt so viele Trinkgläser benutzt werden? Kann nicht mal jemand die Spülmaschine ausräumen? Alltägliche Kleinigkeiten, die ich sonst mit müdem Lächeln erledigt habe, bringen mich jetzt regelmäßig zum Rumbrüllen. Kein Wunder, ich habe zwei 60-Stunden-Wochen mit Homeoffice und Homeschooling hinter mir. Und ich bin zu alt für diesen Scheiß. Nützt aber nix, wie wir alle wissen.

Dennoch: Es ist nicht verwunderlich, dass die Angst vor steigenden Zahlen häuslicher Gewalt in Zeiten von Corona und Social Distancing wächst. Wie kann man also Wutanfälle vermeiden? Ich habe ein paar Tipps zusammengetragen, die in Momenten helfen sollen, in denen die Nerven zum Reißen gespannt sind. Allesamt approved by Leib-und-Seele.

# 1. Achtsamkeit

Enorm wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu erkennen. Wenn die Büchse der Pandora erst im Wutanfall geöffnet worden ist, ist es zu spät. Beobachte Dich, wie Du Dich kurz VOR dem Nervenverlieren fühlst. Dann kannst Du beim nächsten Mal in genau diesem Moment die Reißleine ziehen und die folgenden Tipps und Strategien anwenden.

# 2. Codewort

Meine Kinder und ich haben ein Codewort verabredet. Das soll immer dann gesagt werden, wenn jemand das Gefühl hat, die Situation eskaliert gerade. Unser Codewort ist »Rotkohl!« Ganz bewusst haben wir ein Wort gewählt, dass mit absoluter Sicherheit mit diesen Grenzsituationen nichts zu tun hat. Der Effekt: Wenn es von einem zarten Kinderstimmchen zaghaft gesagt wird, klingt es oft so grotesk, dass nicht selten ein unwillkürliches Grinsen die Lage massiv entschärfen konnte.

# 3. Atmen

In den Momenten vor der Explosion kann auch ganz bewusstes Atmen helfen. Tief ein und aus. Zur Grundtechnik des richtigen Atmens kann da sehr die Yoga-Übung »Sonnengruß« helfen. Die habe ich während einer Mutter-Kinder-Kur gelernt und mache sie oft gleich morgens nach dem Aufstehen. Prima Anleitungen natürlich auch zum Sonngengruß gibt es auf diesem Blog: www.yogabasics.de

# 4. Zählen

Eine altbewährte Methode ist auch das Zählen. Wahlweise bis zehn oder zwanzig, je nach Wutgrad. Das hat schon mein Vater so gemacht, wenn er sich über mich geärgert hat und mir am liebsten eine Ohrfeige verpasst hätte. Dann hat er im Geiste immer langsam bis zehn gezählt. Gehauen hat er mich nie.

# 5. Weggehen

Wenn es irgendwie möglich ist, geh raus aus der Situation, die zu eskalieren droht! Wenn Du nicht in Wald oder Fluss oder Feldmark eintauchen kannst, weil Du das Haus nicht verlassen darfst, gibt es auf jeden Fall eine Notlösung. In jeder auch noch so beengten Behausung wird es zumindest ein Klo geben, in dem Du Dich für fünf Minuten verbarrikadieren kannst. Dort kannst Du dann prima atmen und zählen – und die übrigen Familienmitglieder sind vor dir geschützt.

# 6. Staubsaugen

Nicht jeder wird zu Hause einen Box-Sack haben, der hemmungslos verprügelt werden darf. Aber womit jeder Haushalt ausgerüstet ist, ist ein Staubsauger. Ich habe auch keinen Box-Sack (wünsche ich mir zum 50.), aber natürlich einen Staubsauger. Und ich habe festgestellt, dass meine Wut sich durch aggressiv-intensives Rumrubbeln mit der Bodendüse auf Holz, Fliesen und Teppich (Teppich ist besonders gut) nach wenigen Minuten verflüchtigt hat. Auch durch Putzen kann man Wutanfälle vermeiden.

# Zu guter Letzt

Nicht jeder dieser Tipps wird immer und in jeder Situation funktionieren, das kann ich aus leidvoller Erfahrung sagen. Natürlich ist der Geduldsfaden manchmal einfach dünn und reißt. Ab und zu merke ich auch nicht, dass ich den Point of no return überschritten habe, weil ich nicht achtsam war*. Und selbstverständlich darf man mit den Kindern auch mal rumbrüllen, wir sind alle nur Menschen. Aber es muss immer klar sein, dass es um die Sache und nicht um die Person geht.

Einmal musste die beste Freundin meiner Tochter so einen Wutausbruch miterleben. Den Anlass habe ich vergessen, aber ich war sehr laut, das weiß ich noch. Als die Mädels zehn Minuten später vorsichtig um die Ecke spähten und ich sie freundlich ansprach, drehte sich meine Tochter zu ihrer Freundin um und sagte: »Hab ich dir doch gesagt. So ist sie, meine Mutter.«

Claudia Stieglmayr

*zum Thema Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung habe ich auch schon einen Beitrag geschrieben.

Hey! Teacher… Elternsprechtag, antreten zum Krisengespräch, bitte!

Wie ich neun Gespräche am Elternsprechtag überlebte

Vor einer Weile hatte ich hier die »Zehn besten Fragen zum Elternsprechtag« gepostet. Hoffentlich hat jener Beitrag dem einen oder der anderen etwas genützt. Ich selbst bin leider komplett untergegangen und konnte mich an keine einzige wichtige Frage erinnern, die ich stellen wollte. Wie es mir in meinen Lehrergesprächen erging, will ich dennoch gern erzählen.

Um genau zu sein, handelte es sich in meinem Fall sogar um zwei Elternsprechtage. Ein Sprech für meinen Sextaner (5. Klasse Gymnasium) und einige Wochen später ein Sprech für meine Obertertianerin (9. Klasse Gymnasium).

# Unterstufe – Sexta (Klasse 5)

Die Klassenlehrerin, die in Schülerkreisen wegen ihrer Strenge mit einem militärischen Spitznamen betitelt wird, hatte meinen Fünftklässler vor dem Sprechtag ausdrücklich darum gebeten, mich zum Gespräch zu begleiten. Nun, da dachte ich doch, dass es dann nicht so schlimm würde. In Anwesenheit des Elfjährigen wird sie wegen seiner schlechten Noten schon keine verbalen Brutalitäten loslassen. Immerhin rechnete ich mit insgesamt drei Fünfen und vielen Vieren (Der Elternsprech lag untypischerweise einen Tag vor der Zeugnisausgabe). Der Bursche ist zwar plietsch, aber total »verpeilt«, wie seine Grundschullehrerin es immer nannte.

Und der Schritt von der behüteten Grundschule zum Gymnasium ist ein großer, den man an unserer Schule nur überlebt, wenn man rechtzeitig aufwacht. Und wenn man ganz überrascht ist, dass man für Biologie und Geografie lernen muss, kassiert man eben Fünfen in den Tests. Tatsächlich bekam er jeweils eine Vier im Zeugnis, was ich echt nett fand. Nur in Mathe, von der Klassenlehrerin unterrichtet, gab es die schreckliche Fünf. Und eine schreckliche Ansprache am Elternsprechtag gratis dazu.

Die Lehrerin beugte sich über den Tisch zu meinem Sohn und sagte wörtlich: »Du machst uns Sorgen! Wir sind nicht sicher, ob das hier die richtige Schule für dich ist.«

Bäm! Du liebe Zeit, warum hat sie das nur gemacht? Um durch solche Worte Kampfgeist zu wecken, muss man das Kind genau kennen. Bei meinem Sohn klappt das jedenfalls nicht, falls das überhaupt ihre Absicht gewesen sein sollte.

Ich musste anschließend meinen empfindsamen Elfjährigen mühsam wieder aufrichten und davon überzeugen, dass er sehr wohl schlau genug für diese Schule sei, aber jetzt mal langsam bis mittelschnell durchstarten müsse und im Unterricht mitmachen, anstatt zu träumen.

# Der HAWIK-Test

Tatsächlich haben wir sogar schriftlich, dass er überdurchschnittlich schlau ist, denn er musste im Rahmen einer Untersuchung auf ADS (wegen seiner Verpeiltheit) den HAWIK-Test absolvieren. Das ist ein mehrstündiger, weltweit anerkannter Intelligenz-Test. Aber was nützt eine Top-Hardware, wenn die Software nicht installiert ist oder nicht beherrscht wird? Genau: nix.

Insgesamt gab es wohl einige Ungereimtheiten bezüglich der Benotung in dieser Klasse. Zum Beispiel im Fach Sport. Ich hatte schon mitbekommen, dass mittlerweile viel strenger benotet wird als zu meiner Zeit. Aber dass ein Landesmeister im Achthundertmeterlauf nur eine Drei bekommt, ist schon irgendwie schräg.

Die anderen beiden Gespräche zu den Fächern Deutsch und Englisch verliefen übrigens zum Glück deutlich kinderfreundlicher und empathischer, und es wurden gemeinsam mit meinem Sohn und mir Maßnahmen besprochen, die für Besserung sorgen sollen. Das ist, wie ich zur Ehrenrettung der Klassenlehrerin sagen muss, nach dem Paukenschlag in jenem Gespräch auch geschehen.

# Mittelstufe – Obertertia (Klasse 9)

Rrrrrrichtig wenig Lust hatte ich auf den Elternsprechtag der Mittelstufe, wie ich gestehen muss. Sechs (!) Termine standen auf meiner Liste, das große Kind hatte zum vierten Mal in fünf Jahren ein Begleitschreiben zum Zeugnis erhalten: Die Versetzung sei gefährdet. Eine Fünf und dreimal Vier minus.

Die fast fünfzehnjährige Täterin gähnte nur gelangweilt und sagte dazu das, was sie jedes Jahr dazu sagt: »Ich mach das schon. Das liegt nur am Mündlichen. Am Ende habe ich weder eine Fünf im Zeugnis noch eine Vier minus.« Seufz. Bislang hat sie jedes Jahr recht behalten, aber jetzt geht es im G8-Leben immerhin um die Versetzung in die Oberstufe. Wir schauen mal.

Theoretisch immerhin sollte ihr das möglich sein, denn auch sie musste – wenn auch aus anderen Gründen – den HAWIK-Test absolvieren. Sie ist noch schlauer als ihr Bruder. Im Bereich »Sprachverständnis« erreichte sie sogar einen Wert von 132, was schon fast genial ist.

# »Ihre Tochter spricht nicht mit mir!«

Der Englisch unterrichtende Klassenlehrer zeigte sich irritiert: Er hätte seiner Schülerin so gern eine Zwei gegeben, aber sie sage im Unterricht einfach zu wenig. Der Deutschlehrer beklagte das Gleiche. Die Chemie-Lehrerin auch. Und die Mathelehrerin sowieso. Als die WiPo-Lehrerin mich gespielt verzweifelt anschaute und zu mir sagte: »Frau Stieglmayr, Ihre Tochter spricht nicht mit mir!«, da konnte ich nur noch müde lächeln und erwidern: »Glauben Sie mir, Sie sind da kein Einzelschicksal.«

Daheim im Auftrag von Englisch- und Deutschlehrer befragt, ob es Gründe für ihre Schweigsamkeit gebe, kam nach einigem Überlegen zutage: »Dadurch, dass wir jetzt so viele in der Klasse sind* und auch so viele Schlaue, sind die Antworten meist schon so komplex, dass man oft gar nichts mehr hinzufügen kann.«
*Aus Lehrermangel wurde eine Klasse auf drei andere verteilt. (Anm. d. Red.)

# Was für eine unglaubliche Geschichte!

Natürlich wiederholte ebenfalls die Geschichtslehrerin die Forderung nach Gesprächsbereitschaft seitens meiner Tochter. Als ich sie schüchtern darum bat, mir zunächst bitte vorzurechnen, wie sie überhaupt auf die Vier minus gekommen sei – ein Test 5, der zweite 1 –, da strahlte sie mich an und sagte mit Fake-Smile im Gesicht: »Ich muss hier gar nichts rechnen.« 

So, dachte ich verwirrt, rechnen kann sie also auch nicht. Als die Dame mir dann noch erzählte, sie sei Schulbuchlektorin gewesen, konnte ich innerlich nur noch den Kopf schütteln.

Ich hatte nämlich nicht vergessen, dass vor fünf Jahren an der Tafel in ihrem Raum zum Tag der offenen Tür »Herzlich Willkommen« stand. Und das, obwohl sie – die auch Deutsch unterrichtet – hätte wissen müssen, dass »Herzlich willkommen« richtig gewesen wäre. (Wer hier gern noch auf unterhaltsame Weise in die Tiefe gehen möchte, soll bitte die Zwiebelfisch-Seite von Bastian Sick besuchen. Das ist der Autor von »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod«.

# Orthographie: mangelhaft!

Mich ärgert übrigens auch jedes Mal, wenn Post aus dieser Schule kommt, dass im Briefkopf nicht »E-Mail«, sondern »Email« steht. Mag sein, dass hier unverdrossen ein Duden von 1985 verwendet wird, da existierte noch keine elektronische Post, da gab es nur diese altmodische Topf- und Badewannenbeschichtung. Auch dazu gibt es natürlich eine entsprechende Zwiebelfisch-Kolumne von Bastian Sick, und zwar hier.

Jaja, ich weiß, ich bin sehr pingelig. Ein Buchstaben-Nerd. Ein Rechtschreib-Pitbull. Aber immerhin handelt es sich doch um meine Muttersprache, und ich lebe davon, Fehler von anderen zu finden und sie zu töten – äh, zu korrigieren. Aber was soll nur werden, wenn nicht mal die Deutschlehrer*innen an Gymnasien so simple Dinge richtig schreiben können. Wo sollen es die Schüler*innen denn dann bitte lernen?

# ÄTSCH!

Ich habe tatsächlich lange überlegt, ob ich das hier alles überhaupt aufschreiben und dann auch noch veröffentlichen soll. Wie ich entschieden habe, ist offensichtlich. Aber warum diese Entscheidung? Weil ich so genervt bin von all den Eltern, die mir ständig von den Super-Noten ihrer Sprösslinge vorschwärmen. Ich hatte schon fast den Eindruck gewonnen, nur meine Kinder seien irgendwie… unnormal. Und bei ALLEN anderen läuft es wie geschmiert. Einfach nur super. Keine Probleme, Beruf und schulische Kinderbetreuung zu kombinieren. Easy, eierleicht.

Das stimmt einfach nicht. Es IST wahnsinnig anstrengend, die schulische Karriere der Kinder zu begleiten, völlig irrelevant, auf welcher Schule sie sind. Heutzutage wird von den Eltern viel mehr Engagement verlangt als früher. Gleichzeitig sind aber immer mehr Mütter berufstätig als zu meiner Schulzeit. Gern verweise ich auf den Blog von Christine Finke: Mama arbeitet.

Ich weiß, das ist alles bekannt. Und eine Lösung habe ich leider auch nicht. Aber man darf doch bitte nicht von mir unausgesprochen verlangen, das Abitur insgesamt drei Mal abzulegen.

Doch dann traf ich vor ein paar Tagen meinen ehemaligen Englisch-Lehrer und seine Frau in der Stadt (übrigens die Großeltern des 800-Meter-Stars in meines Sohnes Klasse). Er nahm mir eine gehörige Portion Druck von den Schultern.
Wir sollten uns mal entspannen und noch das ganze nächste Schuljahr bis zur ersten richtigen Versetzung abwarten. In die Quinta (Klasse 6) steigen die Schüler*innen nämlich auch mit schlechten Noten auf.
Dann kicherte er auf seine unnachahmliche Art und sagte schmunzelnd: »Ich war übrigens nur ein mittelmäßiger Schüler.«

Wie schön. Ich auch. Und wie heftig der Druck an diesem Gymnasium hier ist, merke ich selbst: Ab und zu wache ich schweißgebadet auf, weil ich geträumt habe, ich wäre durchs Abitur gefallen.« Bin ich aber nicht. Ätsch.

Claudia Stieglmayr

Vorsicht, Schulwechsel!

Überall in Deutschland steht sie dieser Tage an: die Entscheidung, welche Schule für mein Kind nach der Grundschule die richtige ist. Bei uns auch. Zum zweiten Mal.

# Vor vier Jahren war alles einfacher

Ich habe das Gefühl, dass vor vier Jahren alles leichter war. Oder der Weg für Kind I war aufgrund der Schulnoten klarer vorgezeichnet. Kann auch sein. Vor vier Jahren fiel in Schleswig-Holstein die Schulempfehlung der Grundschule zum ersten Mal weg, das Beratungsgespräch war ein absurdes Herumgeeiere, in dem die Lehrerin herausfinden wollte, was wir denn so vorhatten, um darauf etwas Schwammiges zu sagen. Ich verriet aber nichts, sodass man sich schließlich genötigt sah, irgendwas zu sagen: »Wir sind sicher, egal welche Schule das Kind wählen wird, es wird seinen Weg schon machen.« Aha. Das war also die verschlüsselte Gymnasialempfehlung.
Was das Land Schleswig-Holstein zur Schulwahl in einer Broschüre schreibt, findet ihr hier

# Wie kommt es überhaupt zu Schulnoten?

Schulnoten werden immer auch im Klassenkontext gegeben, wie eine deutschlandweite Studie aus dem Jahr 1999 zeigen konnte. Dabei wurden eine Deutsch- und eine Mathearbeit von 1000 Lehrern beurteilt. Die Noten: Von Eins bis Fünf war alles dabei…

In einer leistungsstarken Klasse ist es also vermutlich schwerer, eine gute Zensur zu bekommen. Meine Tochter war damals eines von nur sechs Mädchen und außerdem das einzige Mädchen ohne Migrationshintergrund. Im Halbjahreszeugnis der vierten Klasse war ihre schlechteste Note eine Drei. Also nur eine Drei. Eine einzige.
Dabei kann ich vier Jahre später für meinen Sohn, der eine andere Grundschule besucht, mit Sicherheit sagen: Er kann viel mehr als seine große Schwester zu gleicher Zeit. Aber seine Noten sind lange nicht so herausragend. Sie hatte beispielsweise in Englisch sehr gute Klassenarbeiten geschrieben und auch eine Eins im Zeugnis. Er hat ebenfalls sehr gute Klassenarbeiten geschrieben und bekam eine Drei ins Zeugnis geklatscht. Tja. Andere Lehrer, andere Schule, andere Note.
Wobei wir bei der Generalfrage nach Sinn und Unsinn der Notengebung angelangt wären. Das soll hier aber nicht Thema sein. Ein interessanter Artikel dazu findet sich hier.

# Weichenstellung – von der Schule bis zur Rente

In diesem Jahr gibt es bei uns erstmals wieder eine Schulempfehlung von der Grundschule. Kind II hat eine Empfehlung für eine Gemeinschaftsschule bekommen. Das hatte ich auch so erwartet, glücklich hat es mich nicht gemacht. Aber es geht hier ja auch nicht um mich, sondern darum, dass wir als Eltern jetzt die Verantwortung haben, die richtige Entscheidung für das Kind zu treffen. Es kommt mir vor, als stünden wir jetzt davor, die Weichen bis… ja, bis zur Rente zu stellen. Das ist natürlich Unsinn, fühlt sich aber so an.

Diese Verantwortung lastet derart schwer auf unseren Schultern, dass manche Eltern sogar schon von Schulen träumen und schweißgebadet aufwachen. Kann natürlich auch daran liegen, dass das zurzeit das allgegenwärtige Thema ist.

# Odyssee durch die Schulen am Ort

Innerhalb der vergangenen zwei Wochen habe ich an Veranstaltungen in den drei weiterführenden Schulen im Ort (ein Gymnasium, zwei Gemeinschaftsschulen – eine mit gutem und eine mit schlechtem Ruf) teilgenommen. Drei Eltern-Infoabende, drei Schnuppertage für die Kinder wurden angeboten. Einer der Schulleiter sagte, man solle »ergebnisoffen« Beratungsangebote wahrnehmen.

In der einen Schule wurden wir direkt freundlich von der Unterstufenleiterin persönlich in Empfang genommen und in eine Führung durch eine freundliche Lehrerin gesteckt. In der anderen Schule standen wir etwas verloren herum, die ab und zu vorbeistreunenden Lehrkräfte mochten uns nicht einmal grüßen. Schließlich fanden wir selbst heraus, dass hier ein Grüppchen aus Oberstufenschülern Führungen leiten würde. In der dritten Schule gab es weder eine Begrüßung noch war ersichtlich, wann und wo es Touren durch die Einrichtung geben würde.
Der Infoabend dieser Schule war ähnlich konfus strukturiert, es wurde viel zu viel über das Schulsystem an sich und viel zu wenig über diese spezielle Schule referiert. Wie genau das Ganztagsangebot zum Beispiel aussieht, blieb im Dunkeln, während Schule zwei dazu sogar eine Hochglanzbroschüre verteilte. Dort war auch der beste Schulhof, das fanden unsere Viertklässler immens wichtig. Warum in Schule drei die Hangelstangen im Bereich der Mittel- und Oberstufe und nicht im ganz woanders liegenden Komplex der Unterstufe aufgebaut worden sind, konnte sich niemand erklären. Dafür war dort der Kuchen umsonst.

Was bieten die Schulen?

In Schule eins waren in der Biologie die besten Exponate ausgestellt und im Chemiebereich konnte man aus Kupfer Gold machen; dagegen punktete Schule zwei bei den Viertklässlern mit selbst herzustellenden Fossilien und Probeunterricht. Schule drei protzte mit einer riesigen LED-Videowand, die im Unterricht genutzt werden kann. In Schule eins durften die Kinder in den Musikräumen Instrumente in die Hand nehmen, während der Gitarrenkursus-Leiter an Schule zwei lieber selbst demonstrierte, wie gut er sein Instrument beherrscht. Dafür ist das Gebäude mit zwanzig Jahren auf dem kreisrunden Buckel aber das neueste. Da kann Schule drei überhaupt nicht mithalten; der Schulleiter warb beim Infoabend aber dafür, dass die neuen Schüler nach zwei Jahren Baulärm direkt auf dem Schulhof einen Neubau besiedeln dürfen.

Was will das Kind?

Im Anschluss an den Info-Marathon bat ich Kind II, einmal die Augen zu schließen und sich alle Schulen noch einmal vorzustellen und nachzuspüren, an welcher es sich am wohlsten gefühlt hatte. Was sonst sollten Zehnjährige wohl beurteilen? Sie können doch überhaupt nicht wissen, was wo auf sie zukommt, was daran liegt, dass die Evolution hellseherische Fähigkeiten als nicht notwendigerweise überlebenssinnvoll eingestuft und wenig gefördert hat.

# Das Beratungsgespräch

Was haben wir außer einer großen Erschöpfung nun aus dieser Schulhof-Odyssee für uns herausgefunden? Es gibt ein Bauchgefühl-Ranking. Das deckt sich nun aber eben leider nicht mit der Empfehlung. Wenn die Eltern sich gegen die Empfehlung für das Gymnasium entscheiden, ist ein Beratungsgespräch verpflichtend. Es ist ein bisschen so wie bei Abtreibungen: Beratung ist Pflicht, verhindert aber die Entscheidung nicht. So können Eltern dann auch nach negativem Beratungsgespräch das Kind an der Oberschule anmelden, wenn sie dann noch wollen.

Also haben wir ergebnisoffen ein Beratungsgespräch mit der Unterstufenleiterin des örtlichen Gymnasiums geführt. Die hat sich das Zeugnis angesehen, sich angehört, wie ich denn die Lage so sehe, und sie hat auch Kind II befragt, wo es denn zur Schule gehen möchte. Und dann hat sie lächelnd gesagt: »Ich kann Ihnen keinesfalls davon abraten, Ihren Sohn hier anzumelden.« Und an Kind II gewandt: »Ich würde mich freuen, dich an dieser Schule zu sehen.«

# Fazit

Das alles hier schreibt übrigens eine, die selbst keine Gymnasialempfehlung hatte, trotzdem hinging und ohne Schwierigkeiten und Ehrenrunde das Abitur bestanden hat. Ich denke, wir werden noch ein paar Mal schlafen und dann die richtige Entscheidung treffen. Mit Bauchgefühl.

Claudia Stieglmayr

Mecker-Mama ist immer zu Hause

(Lesezeit: ca. 5 Minuten)

# Mama ist immer zu Hause

Wenn man meine Kinder fragt, was Mama denn so arbeitet, werden sie vermutlich sagen: »Mama arbeitet nicht. Die ist immer zu Hause.« Das müssen sie auch denken. Ich bin zu Hause, um sie zu wecken, damit sie rechtzeitig in die Schule zu kommen. Ich bin zu Hause, wenn sie aus der Schule kommen und zu Mittag essen möchten. Ich bin zu Hause, wenn für Klassenarbeiten geübt, schwierige Hausaufgaben erledigt oder Vokabeln abgefragt werden müssen. Ich bin nachmittags zu Hause, um Fahrdienste zu Sport oder Freunden zu leisten (und zur Logo, zur Ergo, zur Nachhilfe). Dass ich morgens um vier Uhr aufstehe, zur Kaffeemaschine wanke und arbeite, damit ich Zeit für sie habe, ist ihnen nicht klar.

# Meckern, immer nur meckern!

Aus Sicht meiner Kinder bin ich übrigens hauptsächlich aus rein sadistischen Gründen zu Hause, nämlich, um mit ihnen zu meckern. Weil die Milch nicht in den Kühlschrank zurückgestellt wurde, weil die Ranzen mitten Flur stehen oder Inhalte von Brotdosen über die Sommerferien hinweg im Ranzen vor sich hin gegammelt haben (die spannendste Transformation hatte eine Mandarine vollzogen, die ich eines Frühsommers zufällig in den Tiefen des töchterlichen Ranzens aufgespürt hatte; zum Glück geschah diese Metamorphose in einem Klarsichtbeutel…).

Ja, Mütter meckern für ihr Leben gern und oft und oft auch laut. Das ist ihre absolute Lieblingsbeschäftigung. Um des Meckerns willen sind sie überhaupt nur Mutter geworden. Das glauben jedenfalls meine Kinder. Aber tatsächlich meckere ich ganz und gar nicht gern. Ganz ehrlich: Wenn ich gewusst hätte, wie viel ich meckern muss, dann wäre ich Vater geworden, den ganzen Tag außer Haus und würde abends die lieben Kleinen ins Bett bringen. Oder überhaupt grundsätzlich erst dann kommen, wenn sie schon schlafen. Sie sind so süß, wenn sie schlafen.

# Homeoffice, wie toll?

Wann bin ich sonst noch zu Hause? Ach ja, wie gesagt, ich arbeite dort. Für Geld. Nicht, was Sie jetzt denken. Ich habe noch einen bezahlten Job. 30 Stunden. Den mache ich auch irgendwann. Ja, klar, wenn die Kinder in der Schule sind. Stimmt. Das reicht aber nicht aus, um 30 Stunden zu füllen (außerdem möchte mein Rücken mindestens dreimal die Woche zum Krafttraining, und die Hunde wollen ihre täglichen Runden).

So stehe ich also praktisch jeden Morgen um vier Uhr auf, damit ich in Ruhe arbeiten kann, bis es Zeit für den Weck- und Brotdosen-Dienst ist. Und abends nach Zapfenstreich bin ich noch die eine oder andere Stunde fleißig, wenn ich nicht zu müde dafür bin. Manchmal muss ich auch am Wochenende noch eine kleine Schicht einschieben, wenn ich nicht alles geschafft habe. Zum Glück kann ich mir meine Zeit völlig frei einteilen, ich habe Abgabetermine zu halten, der Rest ist wurscht.

# Immer auf dem Sprung

Wenn morgens alle aus dem Haus sind, bin ich also bereits vier Stunden auf den Füßen, habe locker 2500 Schritte auf der Uhr; Klos und Waschbecken sind dann geputzt, Betten gemacht, der Geschirrspüler ist ausgeräumt, die Küche aufgeräumt, gesaugt und gewischt. Die Waschmaschine läuft. Dann stürze ich mit den Hunden in den Wald, sause zurück, schwinge mich aufs Rad oder ins Auto – zum Rückensport, Einkaufen oder zu sonstigen Terminen. Ständiger Zeitdruck lastet auf meinen Schultern, denn um halb zwei muss das Essen auf dem Tisch stehen.

# Ich wäre dann gern mal weg…

Manchmal finde ich es schrecklich schade, dass ich nicht mehr außerhalb arbeite. Zum Beispiel, wenn meine nebenan wohnende Mutter reinschneit und irgendetwas von mir will. Oder es ganz selbstverständlich findet, dass ich sie vormittags zum Arzt oder zum Friseur bringe, während sie sich doch locker ein Taxi leisten könnte – und massenhaft Zeit hat, die mir chronisch fehlt. Außerdem wird auch gern der Mittagstisch in der Casa filia angenommen. Dass ich manchmal vor lauter Zeitmangel, aber durch meinen Anspruch, frisch und gesund zu kochen, ganz schön unter Druck stehe, fällt meiner Mutter nicht auf. Schließlich hat sie das früher auch alles für uns gemacht. Dass sie aber nur ein Kind und keinen Job hatte, hat sie wohl vergessen. Wie sehr würde ich mich freuen, wenn sie, die sonst absolut nichts zu tun hat, wenigstens ab und zu mal Kartoffeln schälen könnte. Oder den Tisch decken.

Ach ja, das sind schon Momente, in denen ich gern mit meinen Kolleginnen zusammen die Mittagspause genießen würde.
Oder wenn diese Horroranrufe aus Schule und Kindergarten kommen. Sie beginnen immer mit folgenden Worten: »Bekommen Sie jetzt keinen Schreck!« Sehr lustig. Papa im Großstadtbüro bekommt nie solche Anrufe. Immer nur im Nachhinein von mir die Info, wenn die Wunden bereits genäht, die Tränen getrocknet und persönliche Schockzustände verwunden sind.

# Zu Hause ist es am allerschönsten, wenn…

Aber wenn mein Kleiner nach der Schule vor der Tür steht und ich ihm sofort ansehe, dass etwas nicht stimmt, er sich in meine Arme wirft und losschluchzt, weil er im Schulbus oder auf dem Pausenhof geärgert worden ist, dann bin ich froh, dass ich zu Hause bin.

Oder die Große schwer übellaunig nach Hause geradelt kommt, und erst einmal loswerden muss, wie blöd und unverschämt Fußgänger sind. Manchmal hat sie auch gute Laune und berichtet, was Max wieder Ulkiges im Unterricht angestellt hat oder wie sie den Mathelehrer ausgesperrt haben.

Solche Momente sind unbezahlbar und bleiben als wohligwarmes Gefühl im Herzen. Oder wenn meine französische Freundin mit Sohn und Kerl mittags mit uns am Tisch sitzt und südländisches Temperament durchs Haus weht und geplappert, geschnattert und gelacht, manchmal auch musiziert wird. Dann finde ich es einfach wunderbar, dass ich zu Hause bin.

Claudia Stieglmayr

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