Kategorie: Zitronenigel

Der Strubbelköter – ein modernes Märchen

Nachdem mir mein Verlag nach fast 23 Jahren im Lektorat mit einem schlichten Vierzeiler ohne Angaben von Gründen gekündigt hat (wer meinen Artikel »Das Leben ist keine Roman-Stunde, sondern Meine Wahrheit« gelesen hat, wird anders darüber denken), bin ich doch froh, gewisse Entwicklungen vorausgesehen zu haben. Denn bereits ein Vierteljahr vor der Kündigung habe ich mit meiner neuen Lebensplanung begonnen.


Der letzte Satz ist besonders lustig, denn ich habe weder jemals Arbeitsmaterialien für mein Homeoffice zur Verfügung gestellt bekommen – geschweige denn Schlüssel oder Transponder besessen. Immerhin sind nur zwei Kommafehler im Text.

In Zukunft werde ich nur noch das machen, was mir wirklich Freude bereitet. Und wenn es gut läuft, kann ich damit sogar meinen Lebensunterhalt bestreiten.

Als die drohende Pleite meines Arbeitgebers offenbar wurde, habe ich überlegt, was ich außer Lesen und Schreiben und Autofahren eigentlich noch so kann. Ach ja, ich kann Hunde!, fiel mir ein. Bei CANIS-Zentrum für Kynologie habe ich von 2003 bis 2007 eine Ausbildung zur Hundetrainerin und Verhaltensberaterin absolviert, aber tatsächlich nur kurz und nebenbei als solche gearbeitet, weil 2009 Kind Nummer zwei Vorrang hatte, ich ja noch für das Lektorat arbeitete und somit die Zeit fehlte für meinen Qualitätsanspruch an das Trainerinnen-Dasein. Es ist ja nicht nur die Stunde, die man gibt, das Training will auch vor- und nachbereitet werden.

Okay, ich könnte also wieder als Hundetrainerin arbeiten, die inzwischen dafür notwendige Genehmigung vom Kreisveterinäramt wurde mir aufgrund meiner hervorragenden Ausbildung (mit Seminaren u.a. bei Hellmuth Wachtel, Dorit Feddersen-Petersen, Michael Grewe und Nadin Matthews) vom Schreibtisch aus erteilt. Da ich aber nicht davon überzeugt bin, dass man von dieser Arbeit allein leben kann, interviewte ich noch eine befreundete Hundefriseurin in Rheinland-Pfalz, Sabine Lanzerath, um herauszufinden, ob dieser Job etwas für mich sein könnte. Ich hatte selbst bislang nur Hunde, deren Fellpflege nicht besonders zeitintensiv ist.


Das sind meine unstrubbeligen Köter, meine Europäischen Schlittenhunde (Scandinavian Hounds): Peanut (*2016), Vitesse (*2020) und unten drunter Musha (*2011)

Nach diesem Gespräch war ich infiziert und machte mich sogleich auf die Suche nach einer passenden Ausbildungsstätte. Man muss zwar keine Ausbildung vorweisen, um sich als Hundefriseurin selbstständig zu machen. Aber wenn ich etwas mache, möchte ich das auch richtig gut können. So fand ich also zwei Ausbildungsstätten in der näheren Umgebung und entschied mich für einen Probetag in der einen.

Was soll ich sagen? Es hat mir ausnehmend gut gefallen, sodass ich mich für die 6500 Euro teure Ausbildung bei einer der besten Hundefriseurinnen Deutschlands, Anja Reiteritsch, angemeldet habe.


Ausbildung erfolgreich bestanden. Anja Reiteritsch überreicht mir das hart erarbeitete Zertifikat.

Ausbildungsstart war haargenau an meinem 50. Geburtstag. Ich finde, das ist ein obergutes Omen. Es folgten die anstrengendsten acht Wochen meines Lebens, kann ich sagen. Aber rund 500 Hunde, 320 Stunden und 215 Lernkarten später kann ich sagen: Es hat sich gelohnt!

Parallel zu dieser kräftezehrenden Zeit habe ich meine geliebte Ferienwohnung auf der Insel Poel verkauft und von dem Erlös mein Elternhaus in einen Hundesalon umbauen lassen. In den »Strubbelköter«, inzwischen sogar eingetragene Wortmarke. Der Strubbelköter ist Hundesalon, Hundeschule und Hundetagesstätte. Ein Traum.


So sieht es im Strubbelköter aus: großer Salonbereich mit einzigartiger »Waschstraße«, exklusiv für mich entworfen und gebaut. Selbstverständlich mit modernster Klimaanlage.

Vor einigen Wochen habe ich drei Hundeleute nebst ihren Hunden in den Salon eingeladen und meine Immerfreundin, Journalistin, Fotografin, Autorin und Dozentin Andrea Lammert vom Blog Indigo-Blau hat meine Arbeit fotografisch festgehalten. Ganz besonders glücklich bin ich darüber, dass sie den schönsten Moment überhaupt eingefangen hat.

Das war, als Terrier-Mix Charly mir sein Vertrauen geschenkt hat. Charly hatte nie zuvor mit einem Hundefriseur Kontakt und veranstaltet beim Tierarzt regelmäßig großes Theater, wenn dieser ihm mit der Nadel an den Pelz will; ein echter Terrier eben, der kurz davor ist, die Weltherrschaft zu übernehmen. Zu Beginn meiner Behandlung hat er derart gezappelt, dass er fast vom Tisch gefallen wäre, zweimal hat er versucht, mich zu beißen. Ich habe ganz ruhig weitergearbeitet, getrimmt, um genau zu sein. Und dann kam da dieser ganz besondere Moment. Ich hätte fast geweint und wusste in diesem Moment: Ja! Das ist es, was ich machen möchte.


Charly schenkt mir sein Vertrauen. Ein unfassbar schöner Moment, den ich nie vergessen werde.

Und selbstverständlich kommt mir hierbei meine einstige Hundetrainerinnen-Ausbildung zugute. Hundeverhalten zu beobachten, einzuschätzen und das Richtige im richtigen Moment zu tun, das hilft im Salonbetrieb dabei, die für den Hund grundsätzlich unangenehme Situation ein wenig erträglicher zu machen.

Weil aller guten Dinge drei sind, betreibe ich noch eine kleine und exklusive Hundetagesstätte mit maximal vier Hunden in einer festen Gruppe. Es ist wundervoll, den ganzen Tag von einer Menge Hunde umgeben zu sein. Ich wollte ja eigentlich immer Tierärztin werden, hatte mir das nach dem Abi aber wegen meiner natürlichen Feinde Mathe, Physik und Chemie nicht zugetraut, es zwar im Alter von 30 noch mal halbherzig mit einer Bewerbung für Tiermedizin versucht, mit 45 nochmals ernsthaft darüber nachgedacht, es aber letztendlich doch nicht durchgezogen. Und nun kann ich sagen, dass ich es sensationell finde, Hundefriseurin geworden zu sein: Ich habe nur mit Hunden zu tun, sie sind auch in der Regel nicht krank, und eingeschläfert werden muss hier niemand. Bestens.

So kam es also, dass die Kündigung durch den Vater des Bio-Erbsensuppenkasper-Vox-Teilnehmers (»Das perfekte Dinner«) die beste Katastrophe meines Lebens wurde und ich so lange nichts von mir habe hören lassen.

Claudia Stieglmayr

Das Leben ist keine »Roman-Stunde«, sondern »Meine Wahrheit«!

Keine Lust, selbst zu lesen? Ich lese dir den Beitrag vor!

»Frauen sind die Verliererinnen in der Krise, weil sie schon vor der Krise Verliererinnen waren.« Das sagte Prof. Jutta Allmendinger in einem Interview im Beitrag »Corona-Mütter, Teil 3« des ARD-Magazins »Kontraste«. Hätte Christine Finke (Mama arbeitet) das nicht über Facebook verteilt, wäre mir dieser Beitrag entgangen, denn zum Fernsehen habe ich als berufstätige Homeschooling-Mutter schon lange keine Zeit mehr.

Gerade kocht in mir die ganze Wut der vergangenen zwanzig Jahre hoch, denn dieser Beitrag hat mein Innerstes berührt – und mich traurig, aber auch unfassbar wütend gemacht. Ich möchte gern allen jungen Frauen von heute sagen: »Lasst das nicht mit euch machen! Seid euch eures Wertes bewusst und begeht nicht die Fehler der Generation vor euch!«

Ich habe mich so viele Jahre unter Wert verkauft und niemals wirklich den Mut gehabt, für meine Belange zu kämpfen. Die Quittung war folgerichtig ein überaus mickriges Gehalt, was zu einer noch mickrigeren Rente führen wird. Als ungelernte Karton-Schubserin im Lager der Diddl-Maus oder als Schulbegleiterin verdient Frau genau so viel oder mehr. Ich habe studiert, aber was nützt das, wenn mit diesem Pfund nicht gewuchert werden kann? Dummerweise habe ich nämlich meinen Abschluss nicht gemacht, obwohl ich doch fertig war mit dem Studium und nur noch die Magister-Arbeit und die mündlichen Prüfungen zu leisten gehabt hätte.

Mehrarbeit, sonst…!

Warum? Weil mein Chef mich mit, sagen wir, deutlichen Worten davon »überzeugt« hat, dass es arbeitsplatztechnisch besser für mich wäre, mehr Stunden zu arbeiten, anstatt mein Studium zu beenden. Das war 1999 und kam so: Ich arbeitete bereits seit einem knappen Jahr 25 Wochenstunden für diesen Verlag und schrieb an meiner Magisterarbeit. Dafür hatte mir der Verleger vollmundig seine Unterstützung zugesichert. Bis er die Idee hatte, zusätzlich zu der von mir betreuten Roman-Zeitschrift eine weitere auf den Markt zu bringen. Diese Zeitschrift sollte ich konzipieren.

So willigte ich also zähneknirschend ein. Statt eines Magistra-Abschlusses an der Uni bekam ich ein wertloses Zeugnis über ein Verlagsvolontariat im Groschenroman-Verlag. Das durfte ich immerhin selbst formulieren. Es ist hervorragend…

Voller Einsatz für – NICHTS!

Rumjammern nützt gar nix.

So habe ich also bis zur Geburt meiner Tochter in 2005 unterbezahlt vor mich hin gearbeitet. Immerhin durfte ich ab 2000 meinen Hund mit ins Büro nehmen. Und einen Parkplatz vor dem Verlagshaus hatte ich auch. Zugesichert wurde mir ebenso die Leitung der Redaktion, als Kolleginnen kamen und mehr Zeitschriften produziert wurden. Das war allerdings die erste von vielen weiteren Enttäuschungen, die ich »verknusen« musste, wie der Hamburger sagt. Denn die Leitung erhielt jemand anderes.

Dass ich trotz Arbeitsverbotes während meiner ersten Schwangerschaft von daheim gearbeitet habe, damit meine Zeitschriften pünktlich erscheinen konnten, hat mir weder ein Dankeschön eingebracht noch eine Glückwunschkarte zur Geburt. Ach, und dass ich selbstverständlich diejenige gewesen bin, die drei Jahre zu Hause geblieben ist, ergab sich folgerichtig aus den drastisch unterschiedlichen Einkommen unseres Haushaltes.

Dann kam 2009 unser Sohn zur Welt. Um meinen Job nicht zu gefährden, habe ich auf zwei von drei Jahren Elternzeit verzichtet. Wie dumm! Seither arbeite ich in Homeoffice, meine Arbeit besteht nurmehr ausschließlich aus Korrektur und Satz, meine Vielseitigkeit liegt ungenutzt brach. Und seit vielen Jahren versuche ich verzweifelt, in die Vollzeit zurückzukehren. Ohne Erfolg. Herzlichen Glückwunsch.

Trotz allem war ich während jedes Urlaubs stets für meine Kolleginnen erreichbar, und vor zwei Jahren habe ich sogar vollständig auf Urlaub verzichtet, weil es mit dem Vorarbeiten anders nicht hingehauen hätte. Eine Traum-Arbeitnehmerin war ich über zwanzig Jahre lang. Fleißig, loyal und stumm. Schön blöd.

Zuschuss für das Homeoffice? Fehlanzeige.

Nicht einen Cent habe ich für die Einrichtung der Homeoffice vom Arbeitgeber erhalten.

Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass ich mein Homeoffice zwölf Jahre lang komplett selbst finanziert habe. Mir wurde weder ein PC noch Software oder ein Drucker oder Papier oder Toner oder oder oder zur Verfügung gestellt. Rien, niente, nada: gar nichts. Nachdem mein reales Einkommen seit Jahren sinkt, die Lebenshaltungskosten aber steigen, habe ich noch einen Vorstoß gewagt. Auf die schüchterne Anfrage, ob es nicht möglich wäre, dass der Verlag zumindest einen kleinen Teil der Kosten übernehmen könnte, erhielt ich nur die lapidare Antwort, dass ich ja schließlich schon reichlich vom Homeoffice profitierte, indem ich Fahrkosten sparte. Dankeschön.

So schrumpft Jahr für Jahr mit sinkendem Gehalt auch meine Begeisterung für diesen Job, der zum reinen Broterwerb verkommen ist. Statt euphorisch-verklärt Corporate Identity zu leben, übernimmt mehr und mehr der nüchterne Verstand die Regie. Wie schön, dass man im Bundesanzeiger (www.bundesanzeiger.de) die Bilanzen seines Arbeitgebers verfolgen und deutlich erkennen kann, wann das Schiff zu sinken beginnt. Ich wäre wahnsinnig gern die allererste Ratte gewesen, die es verlässt. Aber auf mein Angebot am 27. Mai dieses Jahres, meinen Arbeitsplatz gegen eine Abfindung zur Verfügung zu stellen, ist mein Chef leider nicht eingegangen.

Und dann kam Corona

Die Vorteile der Corona-Krise nutzend, wurden im Mai 2020 Teile der Belegschaft lohnkostensparend in Kurzarbeit geschickt, vorgeblich um Arbeitsplätze zu sichern. Interessanterweise ist der Arbeitsanfall zumindest im Lektorat nachweislich keineswegs geringer: Zeitschriften und Heftromane haben keine Seite weniger, noch immer sind bestimmte Objekte an eine Agentur ausgesourct, 450-Euro-Kräfte wurden nicht eingespart.

Mein Gehalt wurde über den gesamten Mai auf Kurzarbeitergeld gekürzt, obwohl der Vertrag am 13. Mai rückwirkend zum 11. Mai geschlossen wurde (erhalten habe ich ihn erst am 15. Mai – nach zwei bereits in vollem Stundenumfang gearbeiteten Wochen). Ob das alles rechtlich einwandfrei ist, wird gerade von der Bundesagentur für Arbeit und von ver.di geprüft. Immerhin wird das Kurzarbeitergeld von UNSEREN Arbeitslosenbeiträgen gezahlt, von der Gemeinschaft also.

So schrecklich die Corona-Krise auch ist, umso erfreulicher ist eine Entwicklung innerhalb unserer Belegschaft: Es treten aktuell immer mehr Kolleg*innen in die Gewerkschaft ein! Bald sind es genug, um einen Betriebsrat zu installieren. Denn obwohl es mehrere Dutzend Mitarbeiter*innen gibt, konnte seit mindestens 15 Jahren niemand den Mut aufbringen, einen solchen zu gründen.

Rezession oder Rezension?

Diese Entwicklung hat aber bedauerlicherweise wahrscheinlich viel zu spät eingesetzt. Vermutlich wird es für die knapp einhundert Mitarbeiter kein Happy End geben, wenn das Geld für die Gehälter der Belegschaft knapper wird. In 2018 mussten dafür immerhin gut 3,5 Millionen Euro aufgebracht werden. Frustrierenderweise ist jedoch im Gegenzug der Betrag, den sich die wenigen Kommanditisten eingestrichen haben, von 1,3 Millionen in 2017 auf gute 1,5 Millionen in 2018 gestiegen. Davon lässt sich tonnenweise Fertig-Brühe kaufen. In Bio-Qualität. Aber zufriedene Mitarbeiter erzeugt dieses Missverhältnis eher nicht.

Ach ja, traurig ist diese Entwicklung schon. Aber wenn sich der Sohn des Verlegers öffentlich in einem TV-Format als »Verleger« himself präsentiert und einem Millionen-Publikum unfreiwillig offenbart, dass er den Unterschied zwischen »Rezension« und »Rezession« nicht kennt, dann nimmt es nicht Wunder, dass das Verlagshaus in eine wirtschaftliche Schieflage geraten ist. Immerhin hat der Gourmet bewiesen, dass er eine hervorragende Erbsensuppe mit Instant-Brühe zubereiten kann. Die Erbsen-Geschichte klingt zwar nach Groschenroman, ist jedoch nicht ausgedacht, sondern nachzuschauen beim Trash-Format »Das perfekte Dinner« bei Vox – und zwar genau hier. Keep it simple.

Wer sich ins Rampenlicht begibt, muss auch Buh-Rufe und Kritik aushalten. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.

Mein Fazit aus 22 Jahren Loyalität

Ich habe lange überlegt, ob ich meine Geschichte veröffentlichen soll oder nicht. Meine kluge Immer-Freundin Andrea vom Reiseblog www.indigo-blau.de hat mir davon abgeraten. »So eine Wut kostet Dich zu viel Energie, die du besser auf deine Zukunft verwenden solltest. Und eigentlich bist du ja nur wütend auf dich selbst.«

Das ist wahr. Ich bin sogar sehr wütend auf mich selbst. Stinksauer bin ich, dass ich vor lauter Feigheit in all den Jahren nicht ein einziges Mal ernsthaft aufgemuckt und für meine Rechte gekämpft habe! Ich habe im Gegenteil stets beide Hände vor die Augen gehalten 🙈 und gehofft, dass alles gut wird und man die Qualität meiner Arbeit und mein unermüdliches Engagement erkennt und schließlich auch honoriert.

Aber so etwas passiert eben nicht von allein. Es wird nur gut, wenn du es selbst gut machst. Dein Leben selbst in die Hand nimmst. Dir nicht alles gefallen lässt! Dass mein Arbeitsschiff zu sinken scheint, wird es mir erleichtern, zu gegebener Zeit ins Beiboot zu springen und das Ruder eigenhändig zu übernehmen. Inzwischen habe ich Pläne für meine Zukunft. Und ich werde ohne Groll und ohne Häme an meine Zeit im Verlag zurückdenken.

Mit diesen Zeilen habe ich mich meiner Wut entledigt und werde verfahren, wie Konfuzius es rät: »Erzürne nicht, setze dich ans Ufer des ruhigen Flusses und warte, bis die Leichen deiner Feinde vorbeitreiben.«

Ich möchte diesen Beitrag all denjenigen Frauen widmen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen und alle Chancen haben, sich mit Verve und Engagement ein gleichberechtigtes und anständig bezahltes Dasein im Job zu erkämpfen. Ein Recht auf Rückkehr in Vollzeit gibt es für euch immerhin schon.

Claudia Stieglmayr

Ich schaue jetzt positiv in die Zukunft. Ich habe Pläne.

Welpenalarm! Das Hundebaby zieht ein

Ein Welpe zieht um – von Bayern nach Schleswig-Holstein

Etwa vier Stunden hatten wir uns und unsere Hunde mit der kleinen Vitesse bekannt gemacht, ehe wir aus Oberwarmensteinach im Fichtelgebirge in die neue norddeutsche Heimat nach Geesthacht bei Hamburg aufbrachen.

Ganz vorschriftsmäßig wurde der Welpe im ehemaligen Katzenknast verstaut und die Box auf der Rückbank angeschnallt. Unser elfjähriger Sohn sorgte dafür, dass die Kleine stets Kontakt zu ihm haben konnte. So konnte Vitesse sich ganz schnell beruhigen und die ersten zweieinhalb Stunden der Reise im Tiefschlaf hinter sich bringen. Auf einem Autobahnparkplatz legten wir dann eine kurze Rast ein.

Sicherheitshalber hatte ich der Hündin bereits in der Transportkiste eine Moxonleine umgelegt, sie dann auf dem Arm zur nächsten Grasnarbe getragen, wo sie sich dann auch sofort erleichterte. Schon bei diesem ersten »gemeinsamen Pinkeln« sagte ich das Kommandowort, welches ihr im späteren Leben bedeuten wird, was von ihr erwartet wird.

Unser Wort dafür ist »Piesch!«, man kann aber natürlich auch »Birne« oder »Machmal!« sagen. Damit der Welpe lernt, mit welchem Wort er mit welche Handlung ausführen soll, muss zunächst dieses für den Hund völlig bedeutungslose Wort (piesch) mit dem, was er gerade tut (pinkeln) verknüpfen. Dazu sollte man das Wort sagen, während der Lütte sich hinhockt. Wenn ihr das jedes Mal macht, wenn der Welpe pinkelt, dann wird das ganz schnell klappen. Auf diese Weise verfährt man übrigens mit allen Kommandos, die der Hund lernen soll. Während der Welpe sich also (von ganz allein!) hinsetzt, sagt man »Sitz!«, während er auf dich zurennt (aus eigenem Antrieb), sagt man »Komm!«.

Die ersten Nächte mit dem Welpen

Nach unserer Ankunft zu Hause und dem ersten Pieschen im Garten gab es erst einmal etwas zu Fressen. Das hatte ich schon am Vortag vorbereitet, sodass Vitesse ganz zügig ihre erste Mahlzeit verspeisen konnte.

Da wir ein sehr großes Haus haben, zeigten wir der Lütten erst einmal den Wohnbereich, den sie dann ganz vorsichtig und langsam erkundete. Hier stellte ich dann auch die Transportbox auf, die der Welpe ja schon von der Fahrt kannte. Geschlafen hat sie dann bei mir im Arm auf dem Sofa. Das hatte den Vorteil, dass ich den Welpen direkt raustragen konnte, als sie nachts um zwei unruhig wurde und pinkeln musste. Vom Schlafzimmer wäre der Weg womöglich zu weit gewesen…

So haben wir die ersten drei Nächte miteinander auf dem Sofa verbracht. In der vierten Nacht habe ich Vitesse nach dem mitternächtlichen Pinkeln in die Box gepackt und diese verschlossen vor mein Bett gestellt. Ein bisschen gejammert hat sie schon. Aber als ich ihr meine Finger hingehalten habe, hat sie sich ganz schnell beruhigt und sieben Stunden bis zum Morgen durchgeschlafen.

Was Vitesse sonst noch so erlebt hat

Freitag bis Sonntag: Garten und neue Menschen

Am ersten Tag waren wir nur mit ihr im Garten und haben für die richtige Balance von Action und Ruhe gesorgt.

Am zweiten Tag kam Besuch, den ich gebeten hatte, die drei großen Hunde doch lieber draußen zu lassen. Unser neuer Welpe ist nämlich viel schüchterner als Peanut und obendrein auch noch eine Woche jünger, als Peanut bei ihrem Einzug gewesen war.

Den ersten Ausflug außerhalb unseres Grundstückes machten Vitesse und ich die Straße entlang zu meiner lieben mütterlichen Freundin gemacht. Erika ist auf den Tag genau so alt wie meine Mutter und wahnsinnig tierlieb. Sie lebt allein und ist gerade in diesen Corona-Zeiten froh um jede Abwechslung.

Montag: die kleine Waldrunde

An Tag vier war die erste 1-Kilometer-Waldrunde dran. Damit Vitesse sich mehr mir anschließt als den beiden anderen Mädels, war ich mit ihr allein unterwegs. An der Leine führte ich sie nur bis zum Waldrand, denn verkehrssicher ist Vitesse natürlich noch nicht. Welpen muss man entgegen der weit verbreiteten Meinung NICHT anleinen! Sie folgen automatisch ihren Menschen, warum sollten sie auch nicht?! Tatsächlich gibt es für den Winzling (noch) keinen Grund abzuhauen. Die Jagd ist in der Entwicklung (Ontogenese) noch lange nicht dran, es ist alles fremd und unheimlich aufregend. Das lässt den Welpen dem Menschen als seine einzige Sicherheit intuitiv folgen. Diese Zeit der Bindungsstärkung sollte man unbedingt für sich nutzen, damit man später die schwierige Phase der Pubertät gut übersteht.

Fichtelhounds Vitesse erkundet unsere zukünftige Waldrunde.

Außerdem lernte Vitesse auch endlich mal jemanden in ihrer Größe kennen: den Langhaardackel-Senior Bruno, mit dem es sich schön spielen ließ.

Dienstag: die kleine Elb-Runde

Tag fünf stand die erste kleine Runde an die Elbe auf dem Stundenplan. Dabei lernte Vitesse die Australian Shepherds meiner Freundin Kirsten und den pubertierenden Hovawart ihres Freundes kennen. Das war für die Lütte viel zu viel Hund auf einmal, und sie hätte am liebsten Reißaus genommen. Wir mussten mit dem Weitergehen warten, bis sie sich zumindest ein kleines Bisschen entspannte. Das ist wichtig, damit so eine Hundebegegnung für den Welpen nicht unangenehm in Erinnerung bleibt.

Mittwoch: Ausflug mit Musha

An Tag sechs durfte Musha uns auf die kleine Waldrunde begleiten. Dort begegnete Vitesse einem sanften Colliemix, der ihre anfängliche große Besorgnis schnell zerstreuen konnte.

Der Plan: Jeden Tag soll Vitesse etwas Neues erleben, aber keinesfalls zu viel. So ein Welpe braucht viel Schlaf und Ruhe, um alles Erlebte zu verarbeiten.

Donnerstag: Der erste Besuch beim Tierarzt

Die erste Woche von Vitesse in ihrem neuen Zuhause endete mit einem Besuch bei unserer Tierärztin. Der zweite Impftermin ist zwar erst in der 12. Woche dran, aber es ist auf jeden Fall eine gute Sache, den jungen Hund schon mal vorher beim Veterinär vorzustellen, ohne dass etwas Schlimmes passiert.

Dabei übt sich gleichzeitig schon mal das Autofahren, denn bisher hatte ja nur die lange Tour aus dem Fichtelgebirge stattgefunden. Außerdem passte Vitesse noch in den Katzenknast, den sie kennt und in dem sie gern schläft. In drei Wochen könnte es dort zu eng sein…

Weil eine Autofahrt trotz vertrauter Kiste natürlich unheimlich ist, hatte ich meine liebe Musha mitgenommen, die außerdem wahnsinnig gern zu dieser Tierärztin geht und alle Menschen dort super findet. Sie ist einer der wenigen tierischen Patienten, die sich im Wartezimmer gemütlich auf dem Rücken räkeln und wirklich gern vor Ort sind. Normal ist das nicht. Aber schön. Und so strahlt natürlich auch etwas von dieser Ruhe auf die Lütte ab, wie man im Bild oben schön sehen kann.

Als wir nach dem Check (alles in bester Ordnung!) uns noch ein wenig unterhielten, rollte sich Vitesse auf dem Untersuchungstisch zusammen und schlief ein. So hatte ich mir das vorgestellt.

Claudia Stieglmayr

Knuddelalarm! Wir bekommen einen Welpen!

Nun ist es endlich so weit, unser Welpe zieht bei uns ein. Ein dritter Scandinavian Hound oder auch Europäischer Schlittenhund. Es ist eine Hündin, sie heißt »Fichtelhounds Vitesse« und stammt – wie meine beiden anderen Hündinnen auch – aus der kompetenten Züchterinnenhand von Sylvia Ulrich aus Oberwarmensteinach im Fichtelgebirge, wo sie die Villa Hundeinander betreibt.

Das ist Züchterin und Musherin Sylvia Ulrich inmitten der neun Welpen des V-Wurfes auf einer Wiese oberhalb der Villa Hundeinander.
So herrlich ist es bei Sylvia Ulrich im Fichtelgebirge. Diese Welpen sind gut vorbereitet
für das alltägliche Leben in ihren neuen Familien. Vielen Dank an www.melshundekram.com für das schöne Foto!

Vor der Adoption

Acht Wochen und zwei Tage ist die kleine Vitesse nun alt; entwurmt, geimpft, gechipt und bereit, von ihrer Mama und den Geschwistern getrennt zu werden. Welpen unter acht Wochen dürfen per Gesetz nicht abgegeben werden (§2 Absatz4 TierSchHuV), und das ist auch gut so.

Die kleine Fichtelhounds Vitesse mit sechs Wochen
Vitesse, sechs Wochen alt.

Idealerweise ist der Züchter nicht extrem weit entfernt, sodass man schon vorher Bekanntschaft mit dem Welpen machen und gleich die ersten Lebenswochen begleiten kann. Zwischen Sylvia und mir liegen leider mehr als 500 Kilometer, die fährt man nicht mal so leicht für eine kurze Stippvisite. In diesem Fall ist das nicht ganz so schlimm, weil diese erfahrene Züchterin (Vitesse und ihre Geschwister bilden immerhin den V-Wurf!) ohnehin erst nach sechs bis sieben Wochen entscheidet, welcher Bewerber welchen Welpen bekommt. Natürlich wurde zuvor besprochen, ob es ein Rüde oder eine Hündin sein soll, das ist ja eine klare, grundsätzlich zu treffende Entscheidung.

Peanut und Musha sind die Tanten der kleinen Vitesse und vier und neun Jahre alt.

Zwei leibliche Tanten von Vitesse leben schon bei uns. Das sind die schwarze Musha (9) und die bunte Peanut (4). Sie werden sich ganz bestimmt intensiv um den Nachwuchs kümmern. Musha sorgt mit ihrer gelassenen Art für Ruhe, und Peanut, unsere Knalltüte, für ausreichend Action. Eine perfekte Mischung. Die beiden kommen natürlich mit nach Franken, genau wie unsere Kinder (15 und 11 Jahre alt).

Der Umzug ins neue Zuhause

Die Ausrüstung

Was muss denn nun alles für den Welpen angeschafft werden? Tatsächlich ist das gar nicht viel. Wirklich wichtig sind nur vier Dinge, die vorhanden sein sollten, wenn der Welpe einzieht.

Und natürlich und vor allem Zeit und Geduld. Es wäre unverantwortlich zu glauben, dass der Welpe nach zwei Tagen Eingewöhnungszeit acht Stunden allein zu Hause bleiben kann. Schön wäre es auch, wenn bereits im Vorfeld eine gute Hundeschule ausgesucht worden ist. (Lieber keine Hundeschule als eine schlechte!) Auch ein Tierarzttermin zum Durchchecken und Kennenlernen wäre sehr sinnvoll.

Musha und Peanut im Welpenalter
Musha und Peanut im Welpenalter. Jetzt sind sie neun und vier Jahre alt.

Ich habe sämtliches benötigte Equipment ohnehin zu Hause, Vitesse ist ja nicht mein erster Welpe. Allerdings habe ich mich beim Futterkauf danach gerichtet, was die Züchterin bislang gefüttert hat. Denn wenn sich schon sämtliche äußeren Umstände für das kleine Lebewesen ändern, dann soll es doch wenigstens das gleiche Futter sein.

Tatsächlich kann es ansonsten auch zu Durchfällen und Erbrechen kommen, denn bereits die totale Umstellung der Lebensumstände führt zu physiologischen Reaktionen, wie man sich vorstellen kann. Das gesamte Nervensystem meldet »Alarm«, der Sympathikus läuft auf Hochtouren. Der Spruch »Er hat Schiss« kommt auch nicht von ungefähr. Bei drohender Gefahr ist es für Säugetiere sinnvoll, sämtlichen Ballast abzuwerfen, um eine Flucht zu erleichtern…

Die Autofahrt

So schön es auch für alle Beteiligten sein mag, den Welpen während der Autofahrt auf dem Schoß zu halten und zu kuscheln – es ist nicht erlaubt. Hunde gelten nach §22 der Straßenverkehrsordnung als Ladung, und eine solche ist »so zu verstauen und zu sichern, dass sie selbst bei Vollbremsung oder plötzlicher Ausweichbewegung nicht verrutschen, umfallen, hin- und herrollen, herabfallen oder vermeidbaren Lärm erzeugen kann.«

Wird man mit nicht gesicherter Ladung erwischt, drohen folgende Bußgelder:

TatbestandBußgeldPunkte
Tier nicht angemessen gesichert30 €
… mit Gefährdung60 €1
… mit Sachbeschädigung75 €1

So ist es also ratsam, den Welpen in einer Transportbox zu befördern. Ich habe noch eine von meinen Katzen, die passt für die Größe unseres Welpen perfekt. Diese Box schnallen wir auf der Rückbank fest, sodass einer von uns hinten sitzen und Kontakt zum Welpen halten kann. Unsere beiden »alten« Hündinnen wurden auch in dieser Kiste transportiert – und hatten kein Problem damit. Natürlich auch, weil Sylvia die Welpen super vorbereitet hat.

Die erste Nacht

Ja, nehmt das Baby mit ins Bett! Körperkontakt ist nicht nur völlig in Ordnung, sondern für das hochsoziale Tier Canis lupus forma familiaris sogar grundlegend wichtig. Stellt euch bitte vor, wie schlimm alles ohnehin schon ist: Eltern weg, Geschwister weg, Zuhause weg! Da soll ein so junger Welpe sich blitzschnell umorientieren und gleich in der ersten Nacht ganz allein schlafen? Das ist grausam.

Wer es sich partout nicht vorstellen mag, den Hund im Bett zu haben (ja, man kriegt ihn da langfristig auch grundsätzlich wieder raus, wenn in der Erziehung alles gut läuft!), der sollte wenigstens das Körbchen neben das Bett stellen und ab und zu beruhigend eine Hand hineinhalten. Alternativ kann man natürlich auch selbst umziehen und im Wohnzimmer beim Hund nächtigen.

Peanut liegt nach wie vor leidenschaftlich gern auf mir drauf. Wenn ich es erlaube.

Claudia Stieglmayr

Polizeiliches Führungszeugnis blitzschnell? Abgezockt!

Um meine Hundeschule zu reaktivieren, benötigte ich ein polizeiliches Führungszeugnis. Anstatt ins Rathaus zu gehen oder dort telefonisch zu erfragen, was ich tun muss, um eines ausgestellt zu bekommen, schlängelte ich mich mal eben schnell mit einer Suchmaschine durch das Internet. Es war schließlich Sonntag, und ich wollte diese lästige Notwendigkeit schnell abhaken. Eingegeben in die Suchzeile des Browsers habe ich: »Führungszeugnis online«. Ich war ja so schlau. Und hatte es eilig. Sehr dämlich das.

# Woher bekomme ich ein polizeiliches Führungszeugnis?

Als Toptreffer erschien – noch vor dem Bundesministerium für Justiz (BfJ)! – eine Anzeige von einer auf den ersten Blick seriös aussehenden Seite: www.dienstweg.info
Und auch die »wenigen Minuten« fand ich überzeugend. Also klickte ich drauf.

Sehr seriös und schlicht gehalten ist diese Seite. Vielleicht hätte ich schon stutzig werden sollen, dass das Menü nur einen einzigen inhaltlichen Punkt enthielt: »Führungszeugnis«. Aber ich hatte es ja eilig und dachte nicht weiter nach. Außerdem wies man bereits auf der Startseite auf das Bundesministerium hin… Das wirkte so beruhigend seriös. Und den Fehler im Seitenbanner (Ihrer Führungszeugnis) habe ich glatt übersehen.

Ich klickte also munter weiter und landete bei einer Eingabemaske. Na klar, so etwas kennt man ja auch. Alles so weit noch ganz normal. Dass man ausdrücklich auf sein Widerrufsrecht verzichtet, habe ich noch gelesen und irritiert festgestellt, dass der Button zum Bezahlvorgang erst dann aktiv wird, wenn man das Kästchen angeklickt hat. So ein Verzicht hat nämlich nur Rechtsgültigkeit, wenn der Kunde AKTIV (durch den Klick) auf das Widerrufsrecht verzichtet. Und natürlich ist diesem Anbieter klar, dass vermutlich ALLE Kunden vom Widerrufsrecht gebrauch machen würden, wenn sie bemerken, dass sie keineswegs das bekommen haben, was sie wollten…


So habe ich also aktiv klickend auf mein Widerrufsrecht verzichtet und per Sofortüberweisung gezahlt. Die Summe von 13 Euro entsprach ja auch den tatsächlichen Gebühren, die erhoben werden, wenn man im Rathaus ein polizeiliches Führungszeugnis beantragt. Sehr schlau eingefädelt vom Anbieter dieser Seite.

# »Online-Wegweiser zu Ihrem Führungszeugnis«

Ich habe auch etwas zum sofortigen Download bekommen: Nämlich den »Online-Wegweiser zu Ihrem Führungszeugnis«. Genau wie es dort stand, nicht aber wie ich es erwartet hatte. Erwartet hatte ich, dass ich durch den Antragsprozess geleitet werde und mir schließlich ein polizeiliches Führungszeugnis ausgestellt wird. Bekommen habe ich ein drei Seiten umfassendes Dokument im pdf-Format, in dem steht, wie man diesen Antrag online stellt. Beim Bundesministerium für Justiz.

Großer Applaus für dienstweg.info für betrügerische Schläue! Die 13 Euro Lehrgeld schaden mir gar nichts, finde ich. Reingefallen. Natürlich kann man nicht »mal eben schnell online« so ein offizielles Dokument beantragen. Es geht zwar tatsächlich auch über das Internet, aber dafür muss der Personalausweis für die Online-Ausweisfunktion freigeschaltet sein. Dieser Online-Antrag kann ausschließlich hier beim Bundesministerium für Justiz gestellt werden.

# Aus Schaden wird man klug

Nun habe ich mich also einen Tag lang geärgert und dann doch im heimischen Bürgerbüro angerufen. Wenige Minuten später hatte ich schließlich den Antrag auf ein polizeiliches Führungszeugnis gestellt.

Was dafür nötig ist, will ich euch natürlich nicht vorenthalten.

# So einfach beantragst du ein polizeiliches Führungszeugnis:

1. Schreibe eine formlose E-Mail an dein zuständiges Bürgerbüro oder die Stadtverwaltung. Darin formulierst du den Grund deines Antrages und nennst die Adresse, an die es geschickt werden soll. (Bei mir war es das Kreis-Veterinäramt)

2. Eine Kopie des Überweisungsformulars über die anfallende Gebühr von 13 Euro packst du als pdf-Dokument in den Anhang, ebenso eine Kopie deines Personalausweises.

Um solche Kopien zu erstellen, musst du weder in den Copy-Shop rennen, noch brauchst du ein teures Kopiergerät. Eine kostenlose App wie zum Beispiel das kostenlose Scanbot reicht völlig aus. Das benutze ich und bin zufrieden. Hier findest Du auch eine Liste von empfehlenswerten Scan-Apps für dein Smartphone: CHIP

Das war schon alles. Deine Behörde schickt dann das Dokument an die gewünschte Stelle. Fertig.

Homeschooling – null Problemo?

Keine Lust, selbst zu lesen? Ich lese dir den Beitrag vor!

Nur noch eine Woche! Haltet durch, liebe Eltern. Vier von fünf Wochen sind überstanden. Davon waren die zwei Homeschooling-Wochen für mich persönlich die härtesten. Ich brauchte eine ganze Woche, um mich davon zu erholen, ehrlich gesagt. Jetzt liegt die letzte Woche Osterferien vor uns, die schaffen wir locker auch noch. Aber was kommt dann? Müssen Eltern weiterhin ehrenamtliche Lehrer sein? Verstößt das nicht gegen die Menschenrechte und ist reine Quälerei? Ist das noch artgerechte Elternhaltung oder gilt: Homeschooling – null Problemo?

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=FWqSa_B-4yg]

»Tja, da können die Eltern alle mal sehen, was wir Lehrer so leisten!« Diesen Satz hörte ich heute in der Stadt. Ich hatte einen jungen Lehrer in der Stadt getroffen, der auch schnell noch etwas beim Bäcker einkaufen wollte. Im momentan üblichen Zwei-Meter-Corona-Sicherheitsabstand unterhielten wir uns kurz über die aktuelle Situation. Ich fand das Gespräch nett.
Bis ich mir erlaubte zu sagen: »Homeschooling – null Problemo? Was für ein Schwachsinn! Nicht ohne Grund ist das häusliche Unterrichten in Deutschland nicht erlaubt.«

Und dann fiel dieser Satz. Da können wir also mal sehen, was Lehrer so leisten. Ich kann den Aufschrei der Empörung aller berufstätigen Eltern von schulpflichtigen Kindern förmlich durch die Nation schallen hören.

# Was ist falsch mit euch? Sowas sagt sonst keiner!

Komischerweise habe ich diesen auf den eigenen Beruf irgendwie minderwertigkeitskomplexig klingenden Satz bislang wirklich NUR von Lehrer*innen gehört! Niemals von Ärzten/ Ärztinnen, Krankenschwestern und -pflegern, Lagerarbeiter*innen, Laborant*innen, Müllleuten, Feuerwehrleuten, Polizisten/ Polizistinnen, Verkäufer*innen… Immer nur von Lehrer*innen.

Meine Tochter würde sagen: »Ey, was ist falsch mit dir?« Ich kann mich dem nur anschließen. Denn in dieser Art zu denken liegen gleich mehrere Fehler.

# Warum man Lehrer*in wird

Lehrerkräfte bekommen zunächst einmal schlicht anständiges GELD dafür, dass sie die Kinder fremder Leute unterrichten. Und zwar in einem oder zwei Fächern – vermutlich ihren LIEBLINGSFÄCHERN, die sie sich einst nach ihrem eigenen Abitur SELBST AUSGESUCHT haben. Selbst ausgesucht! Überhaupt haben sie diesen Job völlig ohne Zwang frei gewählt. Eventuell sogar unter anderem deshalb, weil es der persönlichen Neigung entspricht, anderen Wissen zu vermitteln. Womöglich sogar, weil man Kinder und Jugendliche mag.

# Warum man Homeschooling-Mutter wird

Homeschooling-Eltern haben sich nicht nur die Fächer (hallo – es sind außer Sport, Musik und Kunst ALLE Fächer!) nicht selbst ausgesucht, die sie ihrem geliebten Nachwuchs zwischen die Löffel bimsen sollen, sondern die ganze Corona-Situation nicht. Wir müssen auffangen, was von Wirtschaft und Politik versäumt wurde! Ja, klar. Homeschooling – null Problemo!

Warum, zum Teufel, sind die meisten Schulen im 21. Jahrhundert so schlecht ausgestattet an Know-How und Equipment, dass Webinare unmöglich abzuhalten sind?

# Zwangsverpflichtet

Nebenbei bemerkt bekommen Eltern überhaupt keinen Cent für ihren Hilfsunterricht. Stattdessen gibt es Nervenzusammenbrüche, graue Haare und Zornesfalten gratis. Oh, und die Wahrscheinlichkeit ist übrigens hoch, dass diese Eltern in einem anderen als dem Lehrberuf arbeiten und didaktisch nicht so gut drauf sind. Homeschooling – null Problemo?

Obendrein benehmen sich die Schüler während des Unterrichts weitestgehend ganz gut. Das weiß ich aus allererster Quelle, ich habe nämlich meinen Sohn befragt: »Brüllst du im Matheunterricht eigentlich auch so rum und beschimpfst die Lehrerin, sagst, dass du keinen Bock hast und dass sie weggehen (zensierte Ausdrucksweise) und dich in Ruhe lassen soll?« Nee. Macht er nicht. (Hoffentlich stimmt das auch.)

Was ich außerdem anmerken möchte, ist, dass dieses Eigene-Kinder-Unterrichten ZUSÄTZLICH zur normalen (immerhin das ist bei mir normal) Homeoffice* im Brotjob kommt. Ich hatte also beispielsweise zwei 60-Stunden-Wochen.

Dieses Bild der alten Frau, unter dem steht: Dreißigjährige – nach zwei Wochen Homeschooling kommt ja nicht von ungefähr. Oder diese lustigen Bilder von am Boden festgeklebten und geknebelten Kindern, im Hintergrund Mutti, die mit Kopfhörern und den Rücken ihren Blagen zugewandt ihrer eigenen Arbeit nachgeht.

Ey, Leute! Hätte ich Lehrerin werden wollen, dann wäre ich Lehrerin geworden! Mein von mir nach wie vor verehrter und immer mal wieder (zum Beispiel hier) zitierter Englischlehrer hatte Jahre nach dem Abi zu mir gesagt: »Du wärest eine gute Englisch-Lehrerin geworden.«
Ich darauf: »Nein, wäre ich nicht.«
Er: »Warum nicht?«
Ich: »Ich mag keine Kinder.«
Na ja, das stimmt natürlich nicht ganz. Ich mag meine eigenen und wenige andere.

# Voll verschätzt im Homeschool-Pensum

Aber vielleicht wäre ich ja eine super Mathe-Lehrerin geworden. Wer mich gut kennt, wird jetzt amüsiert auflachen… Aber immerhin hätte ich großes Verständnis für alle diejenigen Schüler aufbringen können, die rechnen anstrengend finden – wie durch Watte zu denken.

Das schreibe ich jetzt hier, weil Lehrer*innen, deren Lieblingsfach die Mathematik ist, sich verschätzen könnten, was die Mühseligkeit angeht, mit der die überwiegende Mehrheit der Kinder sich durch ihre Mathejahre kämpft.

Ich meine, von Fünftklässlern zu erwarten, sich ein komplett neues Thema selbst zu erarbeiten, ist auch in Corona-Zeiten recht viel verlangt – selbst für ein Gymnasium! Mein Fünftklässler stand vor den Ferien vor dieser Aufgabe.

Das Pensum sollte auf der Basis von zwei zu lesenden und zu lernenden Buchseiten (mit 1/2 Lerneinheit = 22,5 Minuten veranschlagt) bewältigt werden. Im Anschluss mussten 69 einzelne Aufgaben auf einer Online-Platform mit mindestens 80%igem Erfolg abgeschlossen werden.

Diesen Zeitaufwand bemaß die Lehrerin mit einer ganzen Lerneinheit, also 45 Minuten. 69 Geometrie-Aufgaben in 45 Minuten. Ich kann ja wirklich nicht gut rechnen, aber das schaffe sogar ich: Da hat man weniger als 40 Sekunden pro Aufgabe. Obwohl ihm das Thema liegt, hat mein Sohn fünf Stunden dafür gebraucht.

# Was ist mit Qualitätssicherung? Supervision?

Solch eine Fehleinschätzung ist ganz bestimmt keine böse Absicht. Aber vielleicht verliert der eine oder die andere Lehrende im Laufe der Dienstjahre ein wenig an Bodenhaftung. In Fächern wie Mathe kommt ja nicht wirklich neuer Stoff dazu, Jahr ein Jahr aus wiederholt der Lehrkörper bereits Vertrautes, bis er es automatisch auch im Tiefschlaf kann. Da nimmt es nicht Wunder, wenn Messlatten immer höher gelegt werden. Damit so etwas nicht passiert, wäre eine Unterrichts-Kontrolle durch Kollegen oder ein anderes kompetentes Gremium von Zeit zu Zeit mit Sicherheit sehr sinnvoll.

Tatsächlich müssen sich Lehrer und Lehrerinnen nicht in die Karten schauen lassen, wenn sie nicht wollen. Es gibt keine verpflichtende Supervision. Nach Studium und Referendariat überprüft niemand nimmermehr die Qualität ihres Unterrichts. Bis zur Rente können mehr oder minder untalentierte Lehrende vor sich hinwurschteln und müssen schon mehrfach grobe Verstöße gegen Regeln begehen, ehe ihnen – wenn überhaupt – die Lehr-Erlaubnis entzogen wird.

# Chancengleichheit durch Homeschooling?

Und was ist eigentlich mit der Chancengleichheit? Wenn über Wochen hinweg der Lernstoff nur zu Hause gebüffelt werden kann? Mein Sohn hat Glück (er sieht das anders), denn ich kann ihn unterstützen. Er hat einen ruhigen Arbeitsplatz und gleich mehrere technische Geräte zur (fast) freien Verfügung.

Aber sein Schulfreund, der mit den Eltern und seinen drei Geschwistern in einer winzigen Wohnung lebt, was ist mit dem? Seine Eltern sind keine Muttersprachler, die Geschwister fast alle jünger, Privatsphäre oder Computer gibt es dort nicht.

Experten wie der Chef des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, erwarten diesbezüglich, dass die Bildungsschere bei andauerndem Homeschooling noch weiter auseinandergehen wird. Lest hierzu das Interview mit Meidinger vom 13. April in der »Welt«.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=nqQomlQfXew]

Hier sagt eine israelische Mutter auf YouTube laut und deutlich, was sie vom Homeschooling hält. Sie spricht mir aus der Seele.

Da können die Lehrer mal sehen, was wir Eltern so alles leisten. Homeschooling – null Problemo!

Claudia Stieglmayr

*Tipps für die Homeoffice gibt hier meine Immer-Freundin Andrea auf ihrem Blog.

Wie kann man Wutanfälle vermeiden? Die sechs besten Tipps zur Selbstbeherrschung

Die Nerven liegen nach zwei Wochen Homeschooling und Homeoffice blank. Kein Wunder, denn viele Familien, vor allem jene in den Großstädten, hocken gerade in engen Wohnungen aufeinander, ein Albtraum, wenn man nicht mal einen Balkon hat. Allerorten plagen die Menschen auch Existenzängste und die Sorge um die Großeltern. Nichtsdestotrotz müssen aber Schulpensum und Arbeitsaufkommen bewältigt werden, Kindergartenzwerge wollen beschäftigt sein. Wenn man erschöpft ist, kriecht die Wut viel schneller in den Kopf, Kleinigkeiten lösen dann Explosionen aus. Wie aber kann man Wutanfälle vermeiden?

# Wie kann man Wutanfälle vermeiden?

Meine Familie und ich leben privilegiert in einer Kleinstadt, wir haben ein großes Haus mit Garten, jeder einzelne von uns hat gleich mehrere Rückzugsmöglichkeiten, der Wald ist nur ein paar hundert Meter entfernt, die Elbe ebenso.

Und trotzdem sind zumindest meine Nerven jetzt auch am Ende. Auf die Hunderunden werde ich nun öfter vom Filius begleitet, was ja eigentlich schön ist. Aber so wird die Zeit knapp, die eigentlich Meinezeit ist, die ich zum Regenerieren dringend brauche. Und ich merke auch, wie meine Geduld mit den Kindern immer schneller am Ende ist.

Es macht mich rasend, dass zum vierten Mal am Tag die Toastkrümel nicht beseitigt worden sind. Und warum müssen überhaupt so viele Trinkgläser benutzt werden? Kann nicht mal jemand die Spülmaschine ausräumen? Alltägliche Kleinigkeiten, die ich sonst mit müdem Lächeln erledigt habe, bringen mich jetzt regelmäßig zum Rumbrüllen. Kein Wunder, ich habe zwei 60-Stunden-Wochen mit Homeoffice und Homeschooling hinter mir. Und ich bin zu alt für diesen Scheiß. Nützt aber nix, wie wir alle wissen.

Dennoch: Es ist nicht verwunderlich, dass die Angst vor steigenden Zahlen häuslicher Gewalt in Zeiten von Corona und Social Distancing wächst. Wie kann man also Wutanfälle vermeiden? Ich habe ein paar Tipps zusammengetragen, die in Momenten helfen sollen, in denen die Nerven zum Reißen gespannt sind. Allesamt approved by Leib-und-Seele.

# 1. Achtsamkeit

Enorm wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu erkennen. Wenn die Büchse der Pandora erst im Wutanfall geöffnet worden ist, ist es zu spät. Beobachte Dich, wie Du Dich kurz VOR dem Nervenverlieren fühlst. Dann kannst Du beim nächsten Mal in genau diesem Moment die Reißleine ziehen und die folgenden Tipps und Strategien anwenden.

# 2. Codewort

Meine Kinder und ich haben ein Codewort verabredet. Das soll immer dann gesagt werden, wenn jemand das Gefühl hat, die Situation eskaliert gerade. Unser Codewort ist »Rotkohl!« Ganz bewusst haben wir ein Wort gewählt, dass mit absoluter Sicherheit mit diesen Grenzsituationen nichts zu tun hat. Der Effekt: Wenn es von einem zarten Kinderstimmchen zaghaft gesagt wird, klingt es oft so grotesk, dass nicht selten ein unwillkürliches Grinsen die Lage massiv entschärfen konnte.

# 3. Atmen

In den Momenten vor der Explosion kann auch ganz bewusstes Atmen helfen. Tief ein und aus. Zur Grundtechnik des richtigen Atmens kann da sehr die Yoga-Übung »Sonnengruß« helfen. Die habe ich während einer Mutter-Kinder-Kur gelernt und mache sie oft gleich morgens nach dem Aufstehen. Prima Anleitungen natürlich auch zum Sonngengruß gibt es auf diesem Blog: www.yogabasics.de

# 4. Zählen

Eine altbewährte Methode ist auch das Zählen. Wahlweise bis zehn oder zwanzig, je nach Wutgrad. Das hat schon mein Vater so gemacht, wenn er sich über mich geärgert hat und mir am liebsten eine Ohrfeige verpasst hätte. Dann hat er im Geiste immer langsam bis zehn gezählt. Gehauen hat er mich nie.

# 5. Weggehen

Wenn es irgendwie möglich ist, geh raus aus der Situation, die zu eskalieren droht! Wenn Du nicht in Wald oder Fluss oder Feldmark eintauchen kannst, weil Du das Haus nicht verlassen darfst, gibt es auf jeden Fall eine Notlösung. In jeder auch noch so beengten Behausung wird es zumindest ein Klo geben, in dem Du Dich für fünf Minuten verbarrikadieren kannst. Dort kannst Du dann prima atmen und zählen – und die übrigen Familienmitglieder sind vor dir geschützt.

# 6. Staubsaugen

Nicht jeder wird zu Hause einen Box-Sack haben, der hemmungslos verprügelt werden darf. Aber womit jeder Haushalt ausgerüstet ist, ist ein Staubsauger. Ich habe auch keinen Box-Sack (wünsche ich mir zum 50.), aber natürlich einen Staubsauger. Und ich habe festgestellt, dass meine Wut sich durch aggressiv-intensives Rumrubbeln mit der Bodendüse auf Holz, Fliesen und Teppich (Teppich ist besonders gut) nach wenigen Minuten verflüchtigt hat. Auch durch Putzen kann man Wutanfälle vermeiden.

# Zu guter Letzt

Nicht jeder dieser Tipps wird immer und in jeder Situation funktionieren, das kann ich aus leidvoller Erfahrung sagen. Natürlich ist der Geduldsfaden manchmal einfach dünn und reißt. Ab und zu merke ich auch nicht, dass ich den Point of no return überschritten habe, weil ich nicht achtsam war*. Und selbstverständlich darf man mit den Kindern auch mal rumbrüllen, wir sind alle nur Menschen. Aber es muss immer klar sein, dass es um die Sache und nicht um die Person geht.

Einmal musste die beste Freundin meiner Tochter so einen Wutausbruch miterleben. Den Anlass habe ich vergessen, aber ich war sehr laut, das weiß ich noch. Als die Mädels zehn Minuten später vorsichtig um die Ecke spähten und ich sie freundlich ansprach, drehte sich meine Tochter zu ihrer Freundin um und sagte: »Hab ich dir doch gesagt. So ist sie, meine Mutter.«

Claudia Stieglmayr

*zum Thema Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung habe ich auch schon einen Beitrag geschrieben.

Hey! Teacher… Elternsprechtag, antreten zum Krisengespräch, bitte!

Wie ich neun Gespräche am Elternsprechtag überlebte

Vor einer Weile hatte ich hier die »Zehn besten Fragen zum Elternsprechtag« gepostet. Hoffentlich hat jener Beitrag dem einen oder der anderen etwas genützt. Ich selbst bin leider komplett untergegangen und konnte mich an keine einzige wichtige Frage erinnern, die ich stellen wollte. Wie es mir in meinen Lehrergesprächen erging, will ich dennoch gern erzählen.

Um genau zu sein, handelte es sich in meinem Fall sogar um zwei Elternsprechtage. Ein Sprech für meinen Sextaner (5. Klasse Gymnasium) und einige Wochen später ein Sprech für meine Obertertianerin (9. Klasse Gymnasium).

# Unterstufe – Sexta (Klasse 5)

Die Klassenlehrerin, die in Schülerkreisen wegen ihrer Strenge mit einem militärischen Spitznamen betitelt wird, hatte meinen Fünftklässler vor dem Sprechtag ausdrücklich darum gebeten, mich zum Gespräch zu begleiten. Nun, da dachte ich doch, dass es dann nicht so schlimm würde. In Anwesenheit des Elfjährigen wird sie wegen seiner schlechten Noten schon keine verbalen Brutalitäten loslassen. Immerhin rechnete ich mit insgesamt drei Fünfen und vielen Vieren (Der Elternsprech lag untypischerweise einen Tag vor der Zeugnisausgabe). Der Bursche ist zwar plietsch, aber total »verpeilt«, wie seine Grundschullehrerin es immer nannte.

Und der Schritt von der behüteten Grundschule zum Gymnasium ist ein großer, den man an unserer Schule nur überlebt, wenn man rechtzeitig aufwacht. Und wenn man ganz überrascht ist, dass man für Biologie und Geografie lernen muss, kassiert man eben Fünfen in den Tests. Tatsächlich bekam er jeweils eine Vier im Zeugnis, was ich echt nett fand. Nur in Mathe, von der Klassenlehrerin unterrichtet, gab es die schreckliche Fünf. Und eine schreckliche Ansprache am Elternsprechtag gratis dazu.

Die Lehrerin beugte sich über den Tisch zu meinem Sohn und sagte wörtlich: »Du machst uns Sorgen! Wir sind nicht sicher, ob das hier die richtige Schule für dich ist.«

Bäm! Du liebe Zeit, warum hat sie das nur gemacht? Um durch solche Worte Kampfgeist zu wecken, muss man das Kind genau kennen. Bei meinem Sohn klappt das jedenfalls nicht, falls das überhaupt ihre Absicht gewesen sein sollte.

Ich musste anschließend meinen empfindsamen Elfjährigen mühsam wieder aufrichten und davon überzeugen, dass er sehr wohl schlau genug für diese Schule sei, aber jetzt mal langsam bis mittelschnell durchstarten müsse und im Unterricht mitmachen, anstatt zu träumen.

# Der HAWIK-Test

Tatsächlich haben wir sogar schriftlich, dass er überdurchschnittlich schlau ist, denn er musste im Rahmen einer Untersuchung auf ADS (wegen seiner Verpeiltheit) den HAWIK-Test absolvieren. Das ist ein mehrstündiger, weltweit anerkannter Intelligenz-Test. Aber was nützt eine Top-Hardware, wenn die Software nicht installiert ist oder nicht beherrscht wird? Genau: nix.

Insgesamt gab es wohl einige Ungereimtheiten bezüglich der Benotung in dieser Klasse. Zum Beispiel im Fach Sport. Ich hatte schon mitbekommen, dass mittlerweile viel strenger benotet wird als zu meiner Zeit. Aber dass ein Landesmeister im Achthundertmeterlauf nur eine Drei bekommt, ist schon irgendwie schräg.

Die anderen beiden Gespräche zu den Fächern Deutsch und Englisch verliefen übrigens zum Glück deutlich kinderfreundlicher und empathischer, und es wurden gemeinsam mit meinem Sohn und mir Maßnahmen besprochen, die für Besserung sorgen sollen. Das ist, wie ich zur Ehrenrettung der Klassenlehrerin sagen muss, nach dem Paukenschlag in jenem Gespräch auch geschehen.

# Mittelstufe – Obertertia (Klasse 9)

Rrrrrrichtig wenig Lust hatte ich auf den Elternsprechtag der Mittelstufe, wie ich gestehen muss. Sechs (!) Termine standen auf meiner Liste, das große Kind hatte zum vierten Mal in fünf Jahren ein Begleitschreiben zum Zeugnis erhalten: Die Versetzung sei gefährdet. Eine Fünf und dreimal Vier minus.

Die fast fünfzehnjährige Täterin gähnte nur gelangweilt und sagte dazu das, was sie jedes Jahr dazu sagt: »Ich mach das schon. Das liegt nur am Mündlichen. Am Ende habe ich weder eine Fünf im Zeugnis noch eine Vier minus.« Seufz. Bislang hat sie jedes Jahr recht behalten, aber jetzt geht es im G8-Leben immerhin um die Versetzung in die Oberstufe. Wir schauen mal.

Theoretisch immerhin sollte ihr das möglich sein, denn auch sie musste – wenn auch aus anderen Gründen – den HAWIK-Test absolvieren. Sie ist noch schlauer als ihr Bruder. Im Bereich »Sprachverständnis« erreichte sie sogar einen Wert von 132, was schon fast genial ist.

# »Ihre Tochter spricht nicht mit mir!«

Der Englisch unterrichtende Klassenlehrer zeigte sich irritiert: Er hätte seiner Schülerin so gern eine Zwei gegeben, aber sie sage im Unterricht einfach zu wenig. Der Deutschlehrer beklagte das Gleiche. Die Chemie-Lehrerin auch. Und die Mathelehrerin sowieso. Als die WiPo-Lehrerin mich gespielt verzweifelt anschaute und zu mir sagte: »Frau Stieglmayr, Ihre Tochter spricht nicht mit mir!«, da konnte ich nur noch müde lächeln und erwidern: »Glauben Sie mir, Sie sind da kein Einzelschicksal.«

Daheim im Auftrag von Englisch- und Deutschlehrer befragt, ob es Gründe für ihre Schweigsamkeit gebe, kam nach einigem Überlegen zutage: »Dadurch, dass wir jetzt so viele in der Klasse sind* und auch so viele Schlaue, sind die Antworten meist schon so komplex, dass man oft gar nichts mehr hinzufügen kann.«
*Aus Lehrermangel wurde eine Klasse auf drei andere verteilt. (Anm. d. Red.)

# Was für eine unglaubliche Geschichte!

Natürlich wiederholte ebenfalls die Geschichtslehrerin die Forderung nach Gesprächsbereitschaft seitens meiner Tochter. Als ich sie schüchtern darum bat, mir zunächst bitte vorzurechnen, wie sie überhaupt auf die Vier minus gekommen sei – ein Test 5, der zweite 1 –, da strahlte sie mich an und sagte mit Fake-Smile im Gesicht: »Ich muss hier gar nichts rechnen.« 

So, dachte ich verwirrt, rechnen kann sie also auch nicht. Als die Dame mir dann noch erzählte, sie sei Schulbuchlektorin gewesen, konnte ich innerlich nur noch den Kopf schütteln.

Ich hatte nämlich nicht vergessen, dass vor fünf Jahren an der Tafel in ihrem Raum zum Tag der offenen Tür »Herzlich Willkommen« stand. Und das, obwohl sie – die auch Deutsch unterrichtet – hätte wissen müssen, dass »Herzlich willkommen« richtig gewesen wäre. (Wer hier gern noch auf unterhaltsame Weise in die Tiefe gehen möchte, soll bitte die Zwiebelfisch-Seite von Bastian Sick besuchen. Das ist der Autor von »Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod«.

# Orthographie: mangelhaft!

Mich ärgert übrigens auch jedes Mal, wenn Post aus dieser Schule kommt, dass im Briefkopf nicht »E-Mail«, sondern »Email« steht. Mag sein, dass hier unverdrossen ein Duden von 1985 verwendet wird, da existierte noch keine elektronische Post, da gab es nur diese altmodische Topf- und Badewannenbeschichtung. Auch dazu gibt es natürlich eine entsprechende Zwiebelfisch-Kolumne von Bastian Sick, und zwar hier.

Jaja, ich weiß, ich bin sehr pingelig. Ein Buchstaben-Nerd. Ein Rechtschreib-Pitbull. Aber immerhin handelt es sich doch um meine Muttersprache, und ich lebe davon, Fehler von anderen zu finden und sie zu töten – äh, zu korrigieren. Aber was soll nur werden, wenn nicht mal die Deutschlehrer*innen an Gymnasien so simple Dinge richtig schreiben können. Wo sollen es die Schüler*innen denn dann bitte lernen?

# ÄTSCH!

Ich habe tatsächlich lange überlegt, ob ich das hier alles überhaupt aufschreiben und dann auch noch veröffentlichen soll. Wie ich entschieden habe, ist offensichtlich. Aber warum diese Entscheidung? Weil ich so genervt bin von all den Eltern, die mir ständig von den Super-Noten ihrer Sprösslinge vorschwärmen. Ich hatte schon fast den Eindruck gewonnen, nur meine Kinder seien irgendwie… unnormal. Und bei ALLEN anderen läuft es wie geschmiert. Einfach nur super. Keine Probleme, Beruf und schulische Kinderbetreuung zu kombinieren. Easy, eierleicht.

Das stimmt einfach nicht. Es IST wahnsinnig anstrengend, die schulische Karriere der Kinder zu begleiten, völlig irrelevant, auf welcher Schule sie sind. Heutzutage wird von den Eltern viel mehr Engagement verlangt als früher. Gleichzeitig sind aber immer mehr Mütter berufstätig als zu meiner Schulzeit. Gern verweise ich auf den Blog von Christine Finke: Mama arbeitet.

Ich weiß, das ist alles bekannt. Und eine Lösung habe ich leider auch nicht. Aber man darf doch bitte nicht von mir unausgesprochen verlangen, das Abitur insgesamt drei Mal abzulegen.

Doch dann traf ich vor ein paar Tagen meinen ehemaligen Englisch-Lehrer und seine Frau in der Stadt (übrigens die Großeltern des 800-Meter-Stars in meines Sohnes Klasse). Er nahm mir eine gehörige Portion Druck von den Schultern.
Wir sollten uns mal entspannen und noch das ganze nächste Schuljahr bis zur ersten richtigen Versetzung abwarten. In die Quinta (Klasse 6) steigen die Schüler*innen nämlich auch mit schlechten Noten auf.
Dann kicherte er auf seine unnachahmliche Art und sagte schmunzelnd: »Ich war übrigens nur ein mittelmäßiger Schüler.«

Wie schön. Ich auch. Und wie heftig der Druck an diesem Gymnasium hier ist, merke ich selbst: Ab und zu wache ich schweißgebadet auf, weil ich geträumt habe, ich wäre durchs Abitur gefallen.« Bin ich aber nicht. Ätsch.

Claudia Stieglmayr

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